Peter Milger

Politische Lager und Abläufe an der Goethe-Uni Anfang der 60er Jahre. Rahmenbedingungen für kulturelle Aktivitäten, kurze Vorstellung der Institutionen

Beobachtungen bei meiner Tätigkeit im Vorstand der neuen bühne ev. als Mitglied des Studentenparlaments und Mitherausgeber des diskus, Frankfurter Studentenzeitung. Zu meiner Person siehe Anhang.

Studentenparlament: Die erklärt politischen Gruppen spiegelten die Parteienlandschaft wieder : Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) - Liberaler Studentenbund (LSB) - Sozialistischer Deutscher Studentenbund (SDS), Sozialdemokratischer Hochschulbund (SHB, gegründet nachdem die SPD 1960 die Unvereinbarkarbeit der Mitgliedschaft erklärt hatte). Die meisten Sitze hatte (nicht verwunderlich) der RCDS inne. Die Rangfolge von LSB, SHB, SDS und Fachschaften habe ich vergessen. Die Sitzverteilung blieb über mehrere Jahre stabil. Der erste leichte, für viele zunächst nicht erkennbare Rutsch nach links erfolgte, als die neue bühne zwei Sitze erbeutete. So nicht vorhersehbare Folgen: 1. Ich wurde zum Mitherausgeber des diskus, der schon bundesweit auffälligen Frankfurter Studentenzeitung gewählt. (Offenbar haben viele gedacht: Der will doch nur spielen). So konnte die Entlassung von Malte Rauch, des einzigen dezidiert linken Redakteurs des diskus verhindert werden. Kleine Schritte, aber was soll man machen, wenn große Sprünge nicht anstehen.

Der ASTA wurde vom RCDS dominiert (ob in einer Koalition, weiß ich nicht mehr). Das heiß begehrte, weil umsatzstarke Reisereferat hatte Wilfried Scharnagl inne. (Ab 1964 Bayernkurier). Es gab Unstimmigkeiten bei der Amtsführung, aber es war ihm nichts nachzuweisen. Nach meiner Erinnerung gab es im ASTA noch keine Kopiergeräte. Wer an der Uni mit Flugblättern die Welt erklären wollte, musste Wachsmatritzen tippen und nudeln.

Das Filmstudio war nicht auf Zuschüsse angewiesen. die Filmvorführungen wurden gut besucht. Die Filmverleihe bestanden auf einleitenden Vorträgen, die Erläuterungen der Filmkenner fielen kurz aus und wurden bezahlt. Zu ihnen gehörte Wolfgang Vogel, seinerseits auch Redakteur für Lokales beim diskus. Gehalt dort: 150 Mark. Ein Beispiel für Vernetzungen. Programm: Gehobene Filmkunst, kein Agitprop.

Finanzierung diskus: Zuschüsse der „Freunde und Förderer der J. W. Goethe Universität", Land Hessen, ASTA, Verkauf außerhalb der Uni, wenige Anzeigen. Redaktionsräume im Studentenhaus, Telefone. Redakteure und Geschäftsführer erhielten Gehälter. Nicht völlig unabhängig, siehe (1).

neue bühne ev. Zuschüsse wie diskus, Kartenverkauf bei den Aufführen im großen Saal des Studentenhauses. Kostenübername bei Gastspielen im Ausland: Kulturministerium Hessen, Auswärtiges Amt, Bonn. Sämtliche Tätigkeiten ehrenamtlich. Spesen bei Gastspielen. Im Ensemble wirkten neben Laien auch gelernte Schauspieler mit. Auch die Spielleitung war professionell: Karlheinz Braun, beim Suhrkampverlag für Theater zuständig. Bühnenbild, Layout: Gunthard Lamche (Schlacke) und Jörg Madlener, Koryphäen. Beweggründe: Spielfreude, politisches Engagement, gemischte, auch Karriere. Die Spielweise orientierte sich an den Vorstelllungen von Bertold Brecht. Zu manchen Stücken gab es eine Art Seminar, in denen es auch schon politisch zuging, aber keine Klippschule. Es kam Verlauf einer Inszenierung kam es auch zu Politisierungen. Nach dem „Einzug" ins Stupa überließ das Studentenwerk der neuen bühne den kleinsten Raum, den es im Studentenhaus gab: Die Pförtnerloge. Mit Telefon. Unschätzbar. Interventionen seitens der Geldgeber gab es nicht.

Filmstudio, neue Bühne und das Feuilleton des diskus übten die kulturelle Hegemonie an der Uni aus. Allzu schwer fiel das nicht, weil die Anhängsel der bürgerlichen Parteien eher der Deutschen Leitkultur verhaftet waren und sich instinktiv scheuten, nach außen hin auf dieses Schatzkästlein zurückzugreifen. Viele RCDSler waren in Verbindungen aktiv, hielten es aber nicht für ratsam, in der Öffentlichkeit Farben zu tragen. Das erreichbare Publikum an der Uni: Mehrheitlich die üblichen Verdächtigen, Soziologen, Psychologen, Philosophen, Philologen, alle mit prekären Berufsaussichten. Und viel Lehramt. Juristen, Naturwissenschaftler und Mediziner nahmen aus denkbaren Gründen die Kulturangebote nur rudimentär an.

Ein Gremium zur Verabredung von kultureller Aktivitäten gab es nicht. Die Abneigung gegen jede Form von Kollektivismus war einer der gemeinsamen Nenner der kulturell Tätigen. Beim Bier beschlossenen Protestaktion siehe (2)

Herausragend: Ror Wolf, der das Feuilleton des diskus leitete. Wirklich leitete. Sein Programm wage ich nur mit einem Wort zu umreißen. Avantgarde, Das galt sowohl textlich als auch graphisch für alles, was er abdruckte. Die von ihm Beschäftigten waren renommiert und publizierten in einschlägigen Blättern. Die Hervorbringungen vieler Autoren waren fern aller politischer Botschaften, aber sie zersetzten soweit ich es beurteilen konnte den Zeitgeist dieser elenden Nachkriegsrepublik. Die Verhältnisse brachten sie nicht zum Tanzen, aber das schaffte die Linke ja auch nicht.

Beweggründe bei denen, die ich in der Kulturszene kannte: Gesellschaftskritik aller Schattierungen - feischwebend, dialektisch, ardornitisch. Die Abteilung DIAMAT (SDS) publizierte in der Neuen Kritik.

Die Vernetzung lief über Personen. Unfassbar: Es gab nicht nur kein Handy, die meisten hatten auch kein Telephon. Kommunikationszentrum war das Uni-Kaffee an der Warte. (wie war der Adorno heute, Inge drei Pils, Inge war die Seele der Uni.) Eine dort verabredete Aktion und andere Proteste siehe (2).

Gemeinsames Projekt neue bühne / SDS: (3) Das selbstverwaltete Studentenwohnheim in der Ginnheimer Landstraße. Das Anwesen gehörte der Uni, die die erste Hausbesetzung in Frankfurt duldete. Letzte Nutzung vorher: Himmlers SS. Das Konzept: Sozialistisch Wohnen, Plenum, gemeinsames Eigentum, Wohneinheiten wurden nicht abgeschlossen. Natürlich gab es Probleme, aber keinen heftigen Streit. Die „Kaderschmiede" verängstige Alexander Gockel (RCDS) soweit, dass er im diskus ausfällig wurde - leider war er Redakteur für Hochschulpolitik, also in dem Bereich einflussreich, auf den es ankam.

Proteste noch übersichtlich: Die Studentenbewegung entzündete sich nicht an den gesellschaftlichen Wiedersprüchen in der Bonner Republik, sondern an Repression & Völkermord in der „3. Welt" So am Krieg in Vietnam ab Mitte der 60er Jahre. Massiv in „Bewegung" setzen sich Studenten erst zu nach der Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 während einer Demonstration gegen den persischen Schah. Anfang der 60er Jahre waren die Proteste noch übersichtlich. Eberhard Dähne, 2006, SDS und Neue Linke, Z., Zeitschrift Marxistische Erneuerung:

Veranstaltungen und Demonstrationen gab es in den meisten Universitätsstädten auch zum Kampf gegen die portugiesischen Kolonialherren in Mosambik und Angola (1960ff), zur US-Intervention gegen Kuba, zu den imperialistischen Verbrechen im Kongo (Katanga) und der Ermordung von Patrice Lumumba (1961), zum faschistischen Franco-Regime, zur Streikbewegung und zur Ermordung von Julian Garcia Grimau in Spanien (1962) usw. Bei einer Spontandemo in Frankfurt mit ca. 300 Menschen anlässlich der Ermordung von Lumumba waren erstmalig beim amerikanischen und belgischen Konsulat Polizisten mit Gewehren aufgestellt.

Viel Wirbel: Der SDS hatte sich der Wanderausstellung "Ungesühnte Nazijustiz" angenommen, die erstmals 1959 in Karlsruhe gezeigt wurde. In Frankfurt am Main wurde sie am 29. Januar 1962 eröffnet. Außer dem Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) beteiligten sich alle politischen Hochschulgruppen.

(1) Für den ASTA und die Freunde & Förderer war der diskus zu links. Die Lage war durchaus prekär. Ein Beispiel: Im Feuilleton hatte jemand die Idee, mit dem Spruch: Wer jetzt nicht reich ist, wird es lange bleiben die ganze letzte Seite zu füllen. Ror Wolf beorderte mich in die Setzerei der Rundschau. Die wunderbaren Setzer waren Feuer und Flamme. Sie setzten den Spruch in allen Schrifttypen ab, die sie greifen konnten. Ich brauchte nur zuzuschauen. Überwiegendes Urteil in der Redaktion: Kunstwerk. Die Folge: Die Herausgeber wurden ins Rektorat einbestellt. Anschuldigung: Verschwendung öffentlicher Gelder. Wir plädierten auf Freiheit der Kunst, auch Gockel, so kollegial war er doch. Es passierte nichts.

(2) Autokorso. In den bayerischen Landtag zog ein einst hochrangiger SS-Mann als Nachrücker ein. Empörung im Uni-Kaffee. Studenten massenhaft in Bewegung setzen? Soweit war es noch nicht. Beschluss: Autokorso. So etwa 15 sagten zu, 5 erschienen zum vereinbarten Termin, darunter Malte Rauch mit seinem Deux Chevaux. Beschluss: Wir machen es doch. Stifte und Pappen gab's bei Pollinger neben dem Uni-Kaffee. Wir drehten einige Runden in der Innenstadt, ohne im geringsten aufzufallen. Eine der Pappen bedeckte das Nummernschild meines VW-Käfers. Das veranlasste die Insassen eines Streifenwagen zum Einschreiten. Kolonne halt. Die Beamten studierten nun auch die Sprüche auf den Pappen, befanden zu recht, es handele sich um eine nicht angemeldete Demonstration und riefen einen weiteren Streifenwagen zur Hilfe. Jetzt hatten wir doch ein paar Duzend Zuschauer. Einige sagten böse Sachen zu den Polizisten - weil sie mir einen Strafzettel ausfertigten. Die zweite Besatzung traf mit ihrem Wagen ein. Anordnung, offenbar per Funk: Abführen ins Polzeipräsidium, Pappen bleiben dran als Beweismittel. Abfahrt Kolonne mit Tütata, schön langsam mit unseren alten Karren. Drei Stunden im Präsidium, es ging eher heiter zu. Am Ende gab es keine Anzeige wegen der Demo. Zurück im Uni-Kaffee Frage, wer hat die Presse vorher informiert. Ich dachte du und so weiter. Also keiner. Dumm gelaufen.

(3) Das Studentenwohnheim war ein in der linken Szene beliebter Treffpunkt, und eine Reihe von politischen Aktivitäten gingen von seinen Bewohnern und Bewohnerinnen aus. So wohnten der Bundesvorsitzende des SDS Michael Schumann und sein Stellvertreter Michael Vester, der ungezählte Rundschreiben und Pressemitteilungen verfaßte, im Hause. In der "Ginnheimer Landstraße" - wie das Studentenwohnheim in Ermangelung eines Eigennamens genannt wurde - wohnten auch einige Studenten, die ihre Heimatländer aus politischen Gründern verlassen mußten wie der Pariser Rolland Routisseau, der der Jeune Resistance angehörte und der Portugiese Joaquim da Silveira, der verfolgt wurde, weil er in der damaligen Militärdiktatur seines Heimatlandes keinen Wehrdienst ableisten wollte. Dort fanden auch Redaktionssitzungen der neuen kritik statt, der Zeitschrift des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, deren erste Nummer am 1. März 1960 erschien mit dem Themenschwerpunkt Hochschulpolitik. Die Redaktionsleitung hatte Peter Märthesheimer übernommen. Aufsehen erregten das von Ann Lamsche entworfene quadratische Format der Zeitschrift und das am Bauhaus-Stil orientierte Layout.
Wilma Aden-Grossmann (Website)

Peter Milger
. Im Jahre 1961 brach ich mein Physikstudium ab und meine Freunde aus Alsfeld, Dieter Nern und Ulrich Popp, kamen nach Frankfurt um hier zu studieren. Entschluss: Wir werden aktiv. Etwas verspätet tauchten wir bei einem Treffen der neuen bühne auf. Es gab Schwierigkeiten bei der Besetzung der geplanten Inszenierung des Stücks eines jungen französischen Kommunisten. (Michel Vinaver, die Koreaner, deutsche Erstaufführung, Suhrkampverlag.) Wir hatten uns noch nicht richtig vorgestellt, da befand Karlhein Braun, man könne das Stück jetzt besetzen. Im kleineren Kreis nach der Premierenfeier übergab mir der Schauspieler Rolf Dornbacher einen Karton voller Belege der Bemerkung, als Physiker könne ich doch wohl rechnen. Ich übernahm die Buchhaltung des Vereins und wurde bei der nächsten Vereinsversammlung quasi gezwungen, den Vereinsvorsitz zu übernehmen. Es war mir recht, weil als Mime bar jeder Begabung. In den nächsten Jahren war ich zusammen mit Walter Gebelein (Chemie) zuständig für Organisation, Finanzen (nicht unerheblich), Programmheft, Beziehungen zum Stupa, dem ASTA, dem Studentenwerk, zu Ministerien.

Es hat viel Spaß gemacht. Höhepunkt für mich: Das Gastspiel beim internationalen Treffen der Studententheater in Istanbul mit die Ausnahme und die der Regel von Bertold Brecht. (der war in der Türkei eigentlich verboten) Hans Bunge, Dramaturg in Ostberlin, hatte die Inszenierung eingerichtet und Brechts Text für zwei Chöre mitgebracht, die das Geschehen auf der Bühne kommentierten. Für die Aufführung in Istanbul übersetzten linke türkische Kommilitonen den Text, den dann zwei von ihnen an Stelle unser Sprecher vorlasen. Das überwiegend türkische Publikum hat so das ohnehin sehr gestische Stück gut verstanden. Quasi Klassenstandpunkt. Der Applaus war überwältigend, und die Gastgeber vom Türkischen Studentenverband waren allen Ernstes der Meinung, wir hätten etwas bewirkt. Das hatte uns zuhause noch niemand nachgesagt.