Die politische Agenda des Konzils von Clermont,
die Gründe für den ersten Kreuzzug, und die Legende von der brüderlichen Hilfe
Konzil (Synode) in Clermont 1095
Anno 1095. Papst Urban II. sucht einen Ausweg aus der Krise der Kirche und Gesellschaft und ringt um die Annerkennung als universelles Oberhaupt der ganzen Christenheit. Ein Feldzug in den Nahen Osten unter seiner Führung würde diesen Rang unter Beweis stellen. Schon der Aufruf ist ein Signal an Ostrom und den Kaiser Heinrich IV.: Hier spricht der Herr der Welt, der Nachfolger Petri und der römischen Caesaren. Eine aktuelle Bedrohung seitens DER TÜRKEN lag nicht vor.
Kriegserklärung. Mangels innenpolitischer Erfolge setzt der Papst auf eine Militärexpedition in den Nahen Osten. Reprise im 21. Jh. (G.W.Bush)
Konzil bon Clermont romantisch verkitscht
"Gott will es" - der fromme Jubelschrei bei der Papstrede ist eine Erfindung der Kreuzzugspropaganda. Denn nicht Glaubenseifer, sondern kühler Verstand waren angesagt. Konzil und Papst Urban II. suchten einen Ausweg aus der schweren Krise, die Kirche und Reich erschütterten. Eine Militärexpedition ins Ausland barg die Chance, mehrere innenpolitische Konflikte beizulegen. Der einzige kenntnisreiche Bericht über das Konzil (griechisch Synode) stammt von Fulcher von Chartres. Er ist informativ und dokumentiert, dass es bei der Kirchenversammlung um Politik ging. Fulcher betont ausdrücklich, die Unternehmung solle wie ein Befreiungsschlag alle Missstände aus der Welt schaffen.

Es war nötig, alle diese Übel zu beenden und durch das von Papst Urban angeregte Vorhaben das ständige Kämpfen von Christen gegeneinander nun gegen die Heiden zu wenden.

Die abendländische Geschichtsschreibung bevorzugt Quellen. in denen fromme Motive (Jerusalem, heiliges Land) im Vordergrund stehen. Diese Texte wurden verfasst, um für das Unternehmen zu werben. So wurde Propaganda zur historischen Wahrheit.
Konzil von Clermont. Realismus oben, Buchmalerei 14. Jh. Unten: Fromm verkitscht und vergrößert im 19. Jh. Die "Moderne" hält die Werbetexte der päpstlichen Propaanda für wahr und glaubt daher an die selbtslosen Absichten der Akteure. Sprich: Die Guten ziehen in den Kampf gegen das Böse
Fulcher von Chartres - Krisenbewältigung - der vollständige Bericht
Das Konzil - Hate Speech & Fake News
Die 4 Versionen der PAPSTREDE -Auszüge
Das Konzil und seine Verklärung
Siehe auch
Von Päpsten veranlasste Militäroperationen gegen Ostrom (Byzanz) im Vorfeld des ersten Kreuzzugs und danach
Der ideologische Ost-Westkonflikt im 11. Jahrhundert
Peter Milger - Die Kreuzzüge - Krieg im Namen Gottes
Hauptseite
Stichwort Kreuzzug - Anerkanntes Bildungsgut

Dramatischer Aufruf. BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE, Mannheim 1990:

Kreuzzug. Auf der Synode von Clermont rief
Papst URBAN 11. am 27.11. 1095 die Christenheit zum >heiligen Krieg< gegen den Islam auf, als Antwort auf Hilferufe des byzantin. Kaisers gegen die türk. Seldschuken. Die Kreuzpredigt des Papstes, der sich vom K. auch eine Wiedervereinigung der christl. Kirchen unter röm. Primat erhoffte, fand begeisterten Widerhall (>Gott will es<). Die Kampfbereiten hefteten ein rotes Kreuz auf die Schulter, leisteten den Kreuzfahrereid und erhielten Nachlass der kanon. Bußstrafen.

Religiös motiviert?

Gegen den Islam? Die heuer (2017) noch immer zu seiner Bekämpfung aufrufen, verbeiten hartnäckig das Gerücht, es sei bei den Kreuzzügen um den Glauben gegangen. Die Akteure damals nahmen an, bei ihren Gegnern handele es sich um Götzendiener, gottlose Heiden. Und sie waren sichrer klug genug um zu wissen, dass man einen Glauben mangels Greifbarkeit nicht angreifen kann.

Zwei Papstreden: Der böse Feind un der fromme Christ

Das Gott will es stammt aus der Feder von Robert, ein Mönch aus Reims. Sein Abt hatte ihn um 1110 aufgefordert, einen bewegenden Bericht über das Konzil zu verfassen. Sein Urban unterstellt Muslimen unsägliche Gräuletaten, die sie unablässig an Christen begehen. Wenn sie junge Mädchen vergewaltigen, müssen die Mütter dazu schmutzige Lieder singen .... Sie beschneiden junge Christen und gießen das Blut in Altarbecken... Der vollständige zum Hass anpornende Text (heuer Hate Speech genannt) zum Nachlesen HIER. Robert schildert einen Massenkundgebung, sein Papst spricht natürlich lateinisch. Aber das gemeine Volk (Laien) versteht ihn trotzdem.

Als der Papst Urban in dieser urbanen Predigt dieses und mehr dieser Art gesagt hatte, da vereinte die Begeisterung alle Anwesenden als sie ausriefen: "Gott will, Gott will".

Robert benutzt Tiraden, mit denen in der Kirche schon lange gegen Juden Stimmung gemacht wurde. Mobilisieren durch Falschmeldungen und Lügen (heuer Fake News genannt) ist erkennbar sein Hauptanliegen. Die Kolonie in Palästina war auf Unterstützung angewiesen. Es galt, weitere milites Christi in Bewegung zu setzen. Prototypische Kriegspropanda also. Die gleichen Absichten hegt Baudri von Deuil, der seine Papstrede etwa zu gleichhen Zeit ersann. Ihm verdankt die Geschichtsschreibung die Verwandlung der Szenerie in eine Schneiderwerkstatt. Alle hatten ihre Frauen samt Stoff und Nähzeug mitgebracht.

Als der apostolische Herr dieses und anderes mehr den Anwesenden gehörig bekannt gemacht hatte, brachen die einen in Tränen aus, andere zitterten oder redeten darüber. Sofort nähten alle das Zeichen des heiligen Kreuzes auf ihre Oberkleider.


Nicht nur Lexika-Redakteure geben diese Szene im 20. Jahrhundert ungebrochern wieder, sondern auch die meisten Historiker. Etwa der ansonsten so verdienstvolle Steven Runciman. So sickert die Propganda der Akteure ein ins allgemeine Bildungsgut. Gut informierte Zeitzeugen, die keine Massenkundgebung melden, lassen die Gelehrten offensicht kalt. Etwa der Chronist Lambert von Arras:

Auf dem Konzil von Clermont, das Papst Urban II. abhielt, waren mit ihren römischen Kardinälen XIII Erzbischöfe, CCXXV, Äbte XC & zahlreiche Würdenträger & Religiöse aus verschiedenen Regionen & Kleriker aus der Provinz & Laien.

Der Feldzug kommt in diesem Dekret zu Sprache:

Wer nur aus Frömmigkeit, und nicht zur Erlangung von Ehre oder Geld zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem gegangen ist, dem soll die Reise auf jede Buße angerechnet werden.


Die merkwürdigste Papstrede - eher abschreckend

Der anonyme Autor der Gesta Francorum hat am Feldzug teilgenommen. Er hat als erster eine Papstrede ersonnen, und zwar in Jerusalem kurz nach der Eroberung im Jahr 1099. Er lässt den Papst drei Sätze sagen, aus denen aber nicht hervorgeht, worum es bei dem Feldzug geht. Die in Aussicht gestellte Unbill hat er wohl selbst erlebt.

Wer immer seine Seele zu retten wünscht, möge demütig den Weg des Herrn einschlagen. Wem es am Geld mangelt, dem wird durch göttliche Gnade gegeben. Brüder, ihr müsst für den Namen Christi viel erleiden, Elend, Armut, Nacktheit, Verfolgungen, Not, Krankheit, Hunger, Durst und andere Unbill. Denn der Herr sprach zu seinen Jüngern: Ihr müsst viel erleiden in meinem Namen ...

Der Anonymus dürfte als Kleriker Latein gelernt haben, nahm aber als Berufskrieger teil. Zum Mittel der wörtlichen Rede greift er gern, wie alle Augenzeugen. Sie lassen alle möglichen Heiligen und sogar Jesus auftreten.

Fulcher von Chartres Bericht exklusiv

In den ersten Meldungen vom Konzil in Clermont wird weder Gott will es gerufen, noch ist vom Aufnähen irgendwelcher Kreuze die Rede oder von einer begeisterten Menge im Freien. Solche Szenen kommen auch im Bericht des Chronisten Fulcher nicht vor. Es ist der einzige von den uns vorliegenden, in dem der Verlauf des Konzils und behandelte Themen ausführlich geschildert werden. Fulcher hat am Feldzug teilgenommen und beginnt um 1102 in Palästina mit der Abfassung seiner Chronik. Er tut so, als habe er am Konzil in Clermont teilgenommen, behauptet es aber nicht. Sein Bericht über das Konzil ist der einzige, der die politische Agenda von Papst Urban vorstellt.

Innere Krise

Er sah, wie alle den christlichen Glauben schwer beschädigten, wie Kleriker und Weltliche den Frieden missachteten, denn die Landesherren lagen ständig im Streit und führten Krieg gegeneinander. Er sah, wie sich die Leute gegenseitig bestahlen, wie zur Erpressung hoher Lösegelder Gefangene barbarisch in elende Löcher geworfen wurden, wo sie unter Hunger, Durst und Kälte litten und heimlich umgebracht wurden. Er sah, wie heilige Stätten verschandelt wurden, Klöster und Landhäuser in Flammen aufgingen, und nichts Sterbliches Schonung fand, allem Menschlichen und Göttlichen zum Hohn.

Um Abhilfe zu schaffen, hatte schon das Konzil von Piacenza eine ganze Reihe von kirchenrechtlichen Verordnungen erlassen. Das Konzil von Clermont bestätigte diese Dekrete und beschloss weitere. Zumindest eine Auswahl der Bestimmungen teilt Lambert von Arras in seiner Chronik mit.

Wer einen Bischof gefangen nimmt und einkerkert, verfällt ewiger Infamie und darf keine Waffen mehr tragen.

Die Mönche, Kleriker und Frauen und deren Begleiter genießen an jedem Tag die Wohltat des Gottesfriedens. In Betreff anderer Personen ist der Gottesfrieden nur gebrochen, wenn sie an den vier Tagen von Donnerstag bis Sonntag angegriffen werden.

Die meisten Dekrete betreffen den Geschäftsbereich des Unternehmens. Was verboten wurde, war offensichtlich der Fall.

Niemand darf sich eine Kirchenstelle kaufen.

Ist der Altar
(eine Pfründe) einer bestimmten Person in einem Kanonikat oder Kloster verliehen worden, so fällt er nach dem Tode dieser Person an den Bischof zurück.

Niemand darf für das Begräbnis, für das heilige Öl und Chrisma etwas verlangen.

Kein Kleriker darf fortan in zwei Städten zwei Präbenden (Pfründen) erhalten. Niemand darf an einer Kirche zwei Ämter haben.

Kein Kleriker darf das Eigentum des Bischofs oder eines anderen Klerikers bei dessen Lebzeiten oder nach seinem Tode sich aneignen.

Fulcher zitiert die Dekrete nicht wörtlich, sondern fasst sie zu einer Ansprache des Papstes zusammen. Die direkte Rede war ein verbreiteter Kunstgriff. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, der Chronist habe mitgeschrieben oder den Text memoriert..

Korruption und Vetternwirtschaft

Die kirchenfürstlichen Hofhaltungen erlitten durch den schwunghaften Privathandel mit Pfründen großen Schaden. Simonie, der Kauf von Kirchenämtern wurde so häufig beklagt wie heute Korruption, und mit ähnlichem Erfolg. Fulcher lässt Urban die diesbezüglichen Dekrete des Konzils so zusammenfassen:

Lasst besonders den Kirchenbesitz fest in seinen Rechten stehen, dass auch keinesfalls die Ketzerei der Simonie bei Euch Wurzel fasst; tragt Sorge, dass Verkäufer wie Käufer von Kirchenämtern von den Ruten des Herrn durch die enge Pforte elend ins Verderben der Verwirrung getrieben werden. .

Fulcher zitiert das Dekret zum Gottesfrieden beinahe wörtlich, legt es aber ebenfalls dem Papst in den Mund.

Wer einen Bischof gefangen nimmt, soll als Gesetzloser behandelt werden. Wer Mönche, Kleriker, Nonnen oder deren Diener gefangen nimmt oder ausraubt, oder auch Pilger und Kaufleute, soll in Bann geschlagen werden. Räuber und Brandstifter, sowie deren Spießgesellen, sollen aus der Kirchengemeinschaft ausgestoßen und in Bann geschlagen werden.

Welt im Chaos, Strassen unsicher

Fulcher lässt den Papst sagen, was heuer jeder Reporter zu hören bekommt, wenn er auf der Straße Passanten über den Zustand der Welt befragt.

Wie ihr gesehen habt, geliebte Brüder, bringen die besagten Übel seit geraumer Zeit die Welt durcheinander und wie man berichtet, besonders in Teilen Eurer Kirchenprovinzen. Es liegt wohl an der Schwäche Eurer Rechtsausübung, dass sich kaum jemand sorglos auf die Strasse wagt. Am Tag herrscht Angst, Wegelagerern in die Hände zu fallen und nachts fürchtet man, mit Gewalt oder List ausgeraubt zu werden, draußen oder zuhause.

In Clermont wurde demnach verhandelt, was auf den Nägeln brannte: Innere Kriege und mangelnde Sicherheit, die Missstände innerhalb der Hierarchie sowie das Schisma der Kirche. Die entsprechenden Dekrete wurden erlassen. Gab es ein weiteres Heilmittel? Folgen wir Fulcher, hatte der Papst eins entdeckt: Die Verknüpfung der inneren Krise mit einer auswärtigen, die den christlichen Westen gar nicht unmittelbar bedrohte.

Der Feind steht im Osten

Fulcher schrieb eine Chronik über den Feldzug, logisch dass er Urban vor allem in dieser Sache nach Clermont reisen lässt:

Als er hörte, dass die Türken das Innere von Ostrom besetzt hatten und die Christen ihrem zerstörerischen Angriff ausgesetzt waren, wurde Urban von tiefen Mitleid bewegt, reiste über das Gebirge nach Gallien und berief in der Auvergne ein Konzil ein, das sich in Clermont versammeln sollte.

1095 plötzlich von Mitleid bewegt? Die Türken hielten das Innere Ostroms seit 24 Jahren besetzt. Schon wegen regen Handelsbeziehungen trafen natürlich ständig Nachrichten über die Entwicklung bei den Regierenden im Westen ein. Seit Kaiser Alexios 1081 die Lage stabilisiert hatte, gab es keinen Anlass zu Gefühlsregungen, mehr und es sind auch keine aktenkundig. Wahrheitsgemäß hätte Fulcher daher allenfalls schreiben können: Als im einfiel, dass die Türken ... Aber das macht tiefes Mitleid nicht glaubhaft. Nur: Als er hörte ... suggeriert Idealismus als Motiv. Nicht verschwiegen wird, dass es auch andere gab.

Das Schisma bedroht unmittelbar

Folgen wir Fulcher, hat sich Papst Urban zunächst innenpolitischen Problemen zugewendet. Die geschilderten Zustände belegen, dass die Reformbemühungen Papst Gregors gescheitert waren. Die von ihm die erlassenen Dekrete hatten auf Feudalherren und kirchliche Obrigkeiten offensichtlich keinen Eindruck gemacht. Das Konzil von Clermont griff zum selben Mittel, denn andere standen ihm nicht zu Gebote. Die Wirkung auf die damaligen Machthabenden muss ungefähr so groß gewesen sein wie Resolutionen der UN-Vollversammelung auf die heutigen. Was Papst Urban dringend brauchte, war die von Gregor angestrebte Machtfülle. Fulcher teilt ja auch mit, wer ihm dabei vor allem im Weg stand. Nämlich Kaiser Heinrich und sein Papst.

Der Teufel, stets bemüht den Menschen zu schaden und wie ein Löwe auf Beute aus, bot gegen Urban zur Verwirrung des Volkes einen Gegner namens Guibert auf. Dieser vom Hochmut aufgestachelten Mann hatte mit Unterstützung des bayrischen Kaisers schon begonnen, sich das apostolische Amt anzueignen, als Gregor es noch rechtmäßig auf dem heiligen Stuhl saß und schloss diesen von der Schwelle zur Basilika des heiligen Petrus aus.

Den beiden war mit Dekreten und dem üblichen Ränkespiel offensichtlich nicht beizukommen. Es bedurfte daher einer großen universellen Idee, die Papst Urban jene Rolle zuwies, die ihm seine Gegner streitig machten: Nämlich oberster Herr und Beschützer der ganzen Christenheit zu sein.

Das Reich Gottes in Gefahr

Nachdem alles zur Zufriedenheit geregelt worden war ... setzte er sogleich hinzu, dass eine noch größere und schlimmere Drangsal der Christenheit aus einem anderen Erdteil Schaden zufüge und sagte:

"Ihr müsst Euren notleidendenden Mitbrüdern, die im Orient leben und schon oft um Unterstützung baten, schleunigst zur Hilfe eilen. Wie den meisten von Euch schon gesagt wurde, haben sich die Türken ausgebreitet bis zum Mittelmeer, das St. Georg-Arm genannt wird. Dieses Volk aus Persien hat die Länder der Christen bis zu den Grenzen des oströmischen Reiches mehr und mehr besetzt und sie in siebenfältigem Kampf besiegt, wobei viele getötet oder gefangen wurden, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde. Wenn Ihr sie weiter gewähren lässt, werden sie noch viel weiter die Oberhand über die Getreuen Gottes gewinnen".

Verjagt sie aus unseren Ländern


Nun lässt Fulcher den Papst zu Heerfahrt auffordern:

Deshalb bitte ich Euch demütig, nein, nicht ich, sondern der Herr: Drängt alle Leute jedes Standes, Reiter wie Fußsoldaten, Reiche wie Arme, dieses verbrecherische Volk aus unseren Ländern zu verjagen und den Christen rechtzeitig beizustehen.. Tut dies als Herolde Christi durch häufige Bekanntmachung. Das sage ich den Anwesenden, an die Abwesenden trage ich es auf, Christus aber befiehlt es.

Mit unseren Ländern ist sind die von Sultanen regierten Territorien Ostroms gemeint. Natürlich sahen die lateinischen Kirchenoberen den römischen Stuhl über die Ostkirchen gesetzt, und über beide Kaiser sowieso. Der vorgetragene Heilsplan, ist tatsächlich universell, denn er löst gleich mehrere Probleme.

Der äußere Feind und die innere Missstände

Wenn bei Aufrufen zu Feldzügen der Verdacht auftaucht, die Regierenden wollten nur von Missständen im Inneren ablenken, hagelt es in der Regel empörte Dementis. Da war Urban, zumindest laut Fulcher, ganz ungeniert. Seine Parole: Frieden schaffen durch Export der Waffenträger.

Gegen die Ungläubigen, sagt der Herr, sollen jetzt diejenigen zu einem Kampf ausziehen, ... die zuvor ihre Privatfehden missbräuchlich sogar gegen Gläubige auszudehnen pflegten. Wer eben noch ein Räuber war, soll jetzt Streiter Christi werden; wer früher gegen Brüder und Verwandte kämpfte, soll nun mit vollem Recht gegen Barbaren kämpfen. Wer eben noch für wenige Schillinge Söldner war, muss jetzt ewigen Lohn erwerben, wer sich zum Schaden für Körper und Seele abmühte, soll um doppelter Ehre willen sich mühen.

Fulcher lässt die Zuhörer relativ ruhig und unbewegt reagieren.

Nach diesen Worten waren die Zuhörer angenehm berührt und viele dachten, nichts sei erstrebenswerter und versprachen, sofort mitzugehen oder Abwesende ernstlich dazu zu bewegen. Nach der einmütigen Beschlussfassung über alle erwähnten Angelegenheiten und der Erteilung der Absolution reisten alle ab.

Ein paar Jahre später wurden weitere Papstreden verfasst, ohne erkennbar auf Fulchers Text zurückzugreifen. Von den späteren Versionen kamen viele Kopien in Umlauf, während Fulchers Chronik so gut wie keine Beachtung fand. Was war der Fehler? War sie zu anspruchsvoll? Zu wenig frömmelnd? Zu wenig aufwühlend? Ein. Manko jedenfalls: Die Kulisse war zu klein, die Szenerie zu karg, es wird nicht lauthals gejubelt und Gott will es wird nicht gerufen. Dazu kommt es erst in den späteren Versionen der Papstreden.

Himmlischer Lohn

Von der Kirche verhängte Bußstrafen wie der Ausschluss von den Sakramenten konnten gegen geldliche Zuwendungen oder andere Verdienste erlassen werden. Das Dekret von Clermont entspricht der theologisch abgesicherten damaligen Bußpraxis:

Wer nur aus Frömmigkeit, und nicht zur Erlangung von Ehre oder Geld zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem gegangen ist, dem soll die Reise auf jede Buße angerechnet werden.

In der Werbung für den Feldzug wurde dann mehr versprochen, als das Kircherecht damals vorsah: Die Vergebung der Sünden. Dem so umworbenen und theologisch minder versierten Gläubigen tat sich damit die Aussicht auf, an den Pforten des Himmels gnädig empfangen zu werden. Fulcher lässt den Papst sagen, was in der in der allgemeinen Predigt inzwischen offenbar üblich war:

Allen jedoch, die dorthin gehen, wird die sofortige Vergebung der Sünden zuteil, wenn sie, sei es auf dem Marsch, bei der Überfahrt oder im Kampf gegen die Heiden, ihr Leben vorzeitig verlieren. Was ich den Abmarschwilligen gewähre, schenke ich so als von Gott Eingesetzter.

Fulcher ist wie gesagt der einzige Chronist, der den Verlauf des Konzils und die politischen Begründungen Papst Urbans schildert. Wie er zu seinen Informationen kam, teilt er nicht mit. Die aufgeführten Beweggründe sind plausibel und die geschilderten Zustände werden durch andere Quellen bestätigt. Fraglos kannte Fulcher die Dekrete des Konzils. Ein sehr wichtiges zitiert er fast wörtlich.

Ein Dekret zum Umgang mit eroberten Territorien

Auf dem Konzil zu Clermont ... wurde mit einmütigem Beifall dekretiert, dass jede Stadt jenseits des Meeres, die den Heiden entrissen werden kann, für immer ohne Widerspruch behalten werden soll.

Die Aneignung oströmischer Territorien war nicht unproblematisch, daher kam das Konzil nicht umhin, eine rechtliche Regelung zu treffen. Es war im Selbstverständnis der Kirche die einzige Instanz, die dazu befugt war. Die Feudalherren sollten wissen, wer die eroberten Länder als Lehen vergab. Nämlich die Kirche und nicht etwa der Kaiser in Konstantinopel. Fulcher war mit den milites Christi unterwegs, als das Dekret zur Anwendung kam. Es ist also folgerichtig, dass er es aktenkundig macht. Lambert von Arras zitiert es nicht, warum auch immer. Die Historiker nach ihm bis hin zu Steven Runciman und Hans Eberhard Mayer weisen nicht darauf hin, obwohl ein weiterer Beleg existiert. In einem Schreiben vom Februar 1113 erinnert Papst Paschalis daran, dass auf dem Konzil von Clermont beschlossen worden sei:

Jegliche Provinzen und Städte ... sind nach der Vernichtung des barbarischen Ritus der Kirche zurückzugeben.

Der Haken ist natürlich, dass das Dekret der Unternehmung etwas von ihrem idealistischen Charme nimmt. Auch Fulcher unterschlägt das Dekret da, wo es hingehört: In seinem Bericht über das Konzil. Er zitiert es erst im Rahmen seines Berichtes über die Etablierung lateinischer Staaten auf oströmischem Territorium. Da der Leser nun wusste, das es den brüderlichen Beistand betreffend bei der Absichterklärung geblieben war, konnte Fulcher ruhig mit dem Dekret herausrücken. Jetzt galt es vorrangig, die Eroberungen zu legalisieren.

Kriegstypische Propaganda

Fulcher von Chartres :

Ihr müsst Euren notleidendenden Mitbrüdern, die im Orient leben und schon oft um Unterstützung baten, schleunigst zur Hilfe eilen.

Wer bat, warum den Bitten solange nicht entsprochen wurde und warum plötzlich Eile geboten war, teilt der Chronist nicht mit. Beim Vormarsch der türkischen Truppen haben sich die Garnisonen in vielen Städte ergeben. Setzten sie sich zu Wehr, kam es bei der Erstürmung zu den kriegsüblichen Taten, sprich Plünderung und Gemetzel. Nach einigen Stunden geboten die Anführer in der Regel Einhalt, wenn es um eine Landnahme ging. Abgaben und Steuern konnte man ja nur bei arbeitenden, also lebenden Bewohnern eintreiben. Auch christliche Militärs hielten sich meistens an diese ungeschriebenen Bräuche. Der Bericht, den Fulcher Papst Urban in den Mund legt, suggeriert zwar ein völlig rücksichtsloses Vorgehen der Invasoren, der Ablauf Besetzung Anatoliens wird aber zutreffend geschildert.

Wie den meisten von Euch schon gesagt wurde, haben sich die Türken ausgebreitet bis zum Mittelmeer, das St. Georg-Arm genannt wird. Dieses Volk aus Persien hat die Länder der Christen bis zu den Grenzen des oströmischen Reiches mehr und mehr besetzt und sie in siebenfältigem Kampf besiegt, wobei viele getötet oder gefangen wurden, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde.

Die Chronisten des christlichen Feldzugs haben beim Vormarsch nur intakte Städte mit mehrheitlich christlicher Bevölkerung und viele umbeschädigte Kirchen vorgefunden. Also keine Verwüstung. Von besonderen Gräueltaten ist in Fulchers Darstellung keine Rede. Sein Papst behauptet nicht, er selbst habe Briefe aus Ostrom gelesen. Und auch nicht, Kaiser Alexios habe ihn um Beistand ersucht.

Ziemlich viel Propaganda

Fulcher schildert Verlauf der Kriegshandlungen zwar sehr verkürzt, aber zutreffend. Er erweckt aber fälschlich den Eindruck, der Vormarsch der Invasoren sei noch im Gang und begründet so, die Hilfe müsse schleunigst erfolgen. Ob Papst Urban für die sprachlichen Feinheiten urheberrechtlich verantwortlich ist, wissen wir natürlich nicht. Bleibt nur, die Aussage selbst zu bewerten. Ihr Zweck ist es, für das Unternehmen zu werben und es gleichzeitig zu rechtfertigen. Da die Meldungen falsch sind, handelt es sich um zur eine zur Vorbereitung und Begleitung von Kriegen typische Desinformation, sprich Propaganda. Das gilt vor allem für die Behauptung, es ei zu einer Verwüstung gekommen

Widerrechtlich?

Nach feudalem Rechtverständnis war der Feldzug gewinnversprechend und daher geradezu geboten. Die Rückeroberung verloren gegangener christlicher Länder war aus kirchlicher Sicht rechtens. Nun gehörte Anatolien vor der türkischen Landnahme aber zum oströmischen Reich. Daher musste das Konzil die Besitznahme vormals oströmischer Territorien kirchenrechtlich absegnen ... soll für immer behalten werden. Aus oströmischer Sicht geschah damit Unrecht. Das oben vollständig zitierte Dekret wurde nie widerrufen. Es legimitierte die Eroberung und Kolonisierung des größten Teils der Welt durch abendländische Christen.

Verwerflich?

Absolut, nach Maßstab der Worte Jesu in der Bergpredigt. Das gilt sowohl für den Text der überlieferten Aufrufe als auch für die Taten der Eroberer. Fragte sich niemand: Was würde der Heiland dazu sagen? Doch, einer, nämlich Papst Urban und der befand: Christus aber befiehlt es. So jedenfalls wörtlich, Fulcher von Chartres. Probleme gibt es auch mit dem biblischen Gebot: Du sollst nicht lügen. Sämtliche Autoren der zeitnah verfassten Papstreden unterstellen DEN TÜRKEN, sie hätten bei der Landnahme schrecklich gewütet - obwohl sie die Berichte der Chronisten des Feldzugs kannten. Demnach bestand die Bevölkerung Anatoliens nach wie vor mehrheitlich aus Christen, die als Untertanen der Sultane unbeschadet in ihren Häusern lebten und ihrem Glauben nachgehen konnten. Die drei Bearbeiter der Gesta Francorum berichten von unsäglichen, geradezu perversen Gräueltaten, die zum Teil technisch nicht durführbar sind. Die heute falsch Zeugnis über Muslime ablegen, halten ihr Vorgehen in schönster Tradition für christlich.

Zurück