Mythos Columbus - die amerikanische Gründungslegende
Kolumbus - der Mann des Fortschritts - ein Mythos der Moderne

Anfang des 19. Jahrhunderts: Der Fortschrittsglaube griff um sich, edle Ritter und Märtyrer der Kirche taugten nicht mehr als Vorbild für die Heranwachsenden. Auf der Suche nach Ersatz für die alten Helden wurde quasi unvermeidlich Kolumbus entdeckt, als Wegbereiter der Zivilisation, der Moderne, des wissenschaftlichen Zeitalters. Washington Irving, THE LIFE AND VOYAGES OF COLUMBUS, London, 1828:

Sein Plan war praktisch und wissenschaftlich fundiert.

Auch Alexander von Humboldt sieht in KOSMOS II, IV eine wissenschaftliche Vorgehensweise:

Er suchte das östliche Asien auf dem Wege gegen Westen nicht als Abenteurer; er suchte nach einem festen vorgefassten Plane.

Alle reden von einem Plan, die meisten sogar von einem großen, obwohl Kolumbus in keinem der ihm zugeschriebnen Schriftstücke einen eigenen Plan auch nur skizziert hat. Aber einfach so lossegeln, um etwas was zu erobern, geht nicht. Amerikanisten-Kongresses 1900, offizieller Bericht, S. XXVI.

Es war die Wissenschaft, die seinen Karavellen die Richtung wies.

Und richtig: Von den Kanaren in See stechend ließ Kolumbus geradewegs nach Westen segeln. Den Plan zu Papier gebracht haben überwiegend lobrednerische Biografen. Und tun dies noch immer. John Dyson, COLUMBUS, Droemer Knaur, 1991, Kapitelüberschrift: Die Geburt des großen Plans. Da es an Belegen mangelt, lassen die Autoren bei der Ausgestaltung des Plans ihrer Phantasie freien Lauf, wobei Logik und Plausibilität schon Mal auf der Strecke blieben. Dyson räumt ein, dass er den Plan nicht kennt:

Dank göttlicher Eingebung oder aufgrund seiner Geheiminformationen war Columbus zu dem Schluss gekommen, dass die Entfernung bis zu den Randgebieten Asiens etwa 750 Leguas (2.400 Seemeilen) betrug.

Kolumbus hat alles richtig gemacht und sah sich als Kosmograf im Alleinbesitz der Wahrheit. So jedenfalls Sohn Fernando und Kolumbus selbst in den von ihm verfassten Schriftstücken. Die Biografen können diverse Fehler und Irrtümer nicht verleugnen, aber auch nicht so stehen lassen. Die schönsten Rettungsversuche werden zitiert. Kostproben: Gianni Granzotto, CHRISTOPH KOLUMBUS, dva, 1985:

Was Kolumbus rettet, ist nicht die Geografie, sondern der Mut, der auch in seiner Weigerung lag, sich mit dem zu begnügen, was alle für wahr hielten.

Oswald Dreyer-Eimbcke, KOLUMBUS, Umschau, 1991:

Schöpferischer Irrtum ...

Wie es Kolumbus mit den Wissenschaften hielt, davon handelt das letzte Kapitel an Hand eigener Offenbarung. Kostprobe: 1501 teilte er der spanischen Krone in einem Brief mit:

Ich sage, dass mir für die Durchführung der Unternehmung keine Vernunft genützt hat, noch Mathematik, noch Weltkarten ...

Hauptseite
Siehe auch