Kreuzzugspropaganda und Feindbild (Aufrufe zum Kreuzzug, Chroniken, Kreuzzugspredigt)
Muslime beschmutzen Kirche. Hasspredigt und Volksverhetzung - anschaulich gemacht durch eine Miniatur in einer Kreuzzugschronik um 1400
(6) Die Predigt von den beschmutzten Kirchen

Peter von Amiens in der Grabeskirche

Weniger subtil als die Rede von den Hilfeersuchen ist die, die von der Verwandlung der Kirchen in Ställe und Bordelle handelt.

BILDERSAAL DEUTSCHER GESCHICHTE, Deutsche Union Verlagsgesellschaft, Berlin, 1901:

Nachdem ... 1071 die Türken Palästina erobert hatten, drang häufig die Kunde von Misshandlung und Gräuel nach Europa. Solche Klage führte auch der Einsiedler Peter von Amiens vor Papst Urban II., dem er sogleich eine Bittschrift des Patriarchen von Jerusalem überreichte.

Die Erzählung vom Einsiedler Peter zeugt von hoher Meisterschaft in der Kunst der Gemütserregung. Überliefert hat sie der Chronist Albert von Aachen, der von sich selbst sagt, widrige Umstände hätten seine Teilnahme am Feldzug verhindert, er habe aber mündliche und schriftliche Berichte von Augenzeugen für seine Chronik benutzt. Da auch einige Kollegen Alberts die Peter-Erzählung benutzen, ist anzunehmen, das sie in Schriftform kursierte. Albert von Aachen:

Dieser Priester war einige Jahre vor dem Beginn dieses Zuges nach Jerusalem gewallfahrt, um dort zu beten. Da musste er in der Kirche des Heiligen Grabes, ach, Dinge sehen, so sündhaft und böse, dass sein Herz voll Trauer aufseufzte und er Gott zur Rache für die geschauten Gräuel aufrief ... Tief bewegt durch das schändliche Treiben ging Peter zu dem Patriarchen der heiligen Kirche zu Jerusalem und fragte ihn, warum es den Heiden und Ungläubigen erlaubt sei, die heiligen Stätten zu beschmutzen, aus ihnen die Gaben der Gläubigen wegzuschleppen, als Ställe die Kirche zu benutzen, die Christen zu schlagen und die frommen Pilger durch Auferlegung ungerechter Abgaben auszuplündern und mit vielerlei Bedrückungen zu quälen.

Der Patriarch antwortet:

Meine Kraft und macht ist nicht viel mehr als eine winzige Ameise gegen den Übermut dieser Heiden. Ich muss mir mein Leben durch endlose Abgaben erkaufen, damit mir Tod und Marter erspart bleiben. Ich fürchte, unsere Lage wird sich täglich verschlimmern, wenn die Christen nicht endlich Hilfe bringen.

Peter sagt zu, das Ersuchen beim Papst und den Grossen der Christenheit vorzutragen. Wohlmöglich weil ein oströmischer Patriarch nach westlicher Auslegung der falschen Kirche angehörte, lässt der Autor den Auftrag von einem richtigen Christen bestätigen.

Finsternis bedeckte den Himmel, als Peter wieder zum heiligen Grab ging, um dort zu beten. Durch Andacht und Wachen ermüdet, wurde er vom Schlaf übermannt. Da erschien ihm die Herrlichkeit des Herrn Jesus im Traum ...

Und der Herr gibt ihm konkrete Anweisungen:

Peter, du liebstes meiner Erdenkinder, steh auf und gehe zum Patriarchen und verlange die Bestätigung meines Erscheinens vor dir mit dem Siegel des heiligen Kreuzes. Dann eile so rasch du kannst in deine Heimat und erzähle dort, was mein Volk und die heiligen Stätten an Schmach und Elend zu erleiden haben und entflamme die Herzen der Gläubigen, Jerusalem und die heiligen Stätten zu säubern und den Dienst in den Heiligtümern wiederherzustellen ...

Und was weiter?

In Angst und Sorge fuhr Peter zu Schiff über das Meer, kam nach der Stadt Bari, stieg dort wieder an Land und eilte sofort nach Rom. Dort suchte er den apostolischen Herrn auf und überbrachte im die Botschaft, die Gott und der Patriarch im aufgetragen hatte und Klagen über die Gräuel der Heiden und das Elend der Pilger und der heiligen Stätten.

Der historische Peter von Amiens

Fest steht, das ein Peter von Amiens als Prediger und Anführer auftrat. Albert von Aachen:

Ein Priester und früherer Einsiedler, der Peter hieß und aus Amiens stammte, das in Frankreich liegt, hat zuerst mit aller Leidenschaft zu diesem Zug aufgerufen und zu Berri im genannten Königreich als Prediger mit allen Redekünsten das Volk dafür gewonnen.

Fulcher von Chartres:

Ein gewisser Peter der Einsiedler, hatte um sich eine Menge Fußvolk versammelt, aber nur wenige Ritter, und er war der erste, der durch Ungarn zog.

Frutolf von Michelsberg:

Die ersten, ungefähr fünfzehntausend, folgten einem gewissen Mönch Peter, den später viele als Heuchler bezeichneten.

Hat der Mönch aus Amiens seine Gefolgschaft in Frankreich zusammengepredigt, bevor Urban dort ankam? So war es, wenn der Autor de Gesta Francorum uns richtig informiert:

Die Gemüter waren in ganz Gallien heftig bewegt, so dass jeder mit Herz und Verstand den Wunsch hatte, Gott zu folgen und getreu das Kreuz zu tragen, und unverzüglich den Weg zum Heiligen Grab einzuschlagen. Sogar der Papst begab sich mit seinen Erzbischöfen, Bischöfen, Äbten und Priestern über die Alpen.

Auch Albert von Aachen hält Peter von Amiens für den eigentlichen Verursacher des Feldzuges.

Seinem nimmermüden Rufe folgten Bischöfe, Äbte Kleriker und Mönche, die vornehmen Weltlichen, die Fürsten verschiedener Reiche und endlich die ganze Menge des Volkes, Keusche und Unkeusche ja selbst das weibliche Geschlecht.

Peter der Anstifter? Nicht beweisbar, nicht widerlegbar. Die allgemeine Geschichtsschreibung folgt Bernold von Konstanz:

Cuius expeditionis domnus papa maximus auctor fuit.

Bernold hebt so ausdrücklich den Papst als Urheber der Unternehmung hervor, als gelte es anderslautenden Auffassungen zu widerlegen.

Die zentrale Botschaft der Werbung

Mangels Schriftzeugnissen wissen nicht, mit welchen Worten die Prediger die Gemüter ihrer Zuhörer aufwühlten. Auf den Tenor lassen der Alexios-Brief , die Peter-Erzählung und einige ab 1110 verfasste Papstreden schließen. Alexios-Brief laut Guibert von Nogent:

Es ergeht Klage in Bezug auf die Kirchen, die ja das Heidentum, nachdem es das Christentum hinausgeworfen hatte, in Besitz hielt und in denen es Ställe für Pferde, Maulesel und andere Tiere errichtete.

Peter-Erzählung:

Tief bewegt durch das schändliche Treiben ging Peter zu dem Patriarchen der heiligen Kirche zu Jerusalem und fragte ihn, warum es den Heiden und Ungläubigen erlaubt sei, die heiligen Stätten zu beschmutzen, aus ihnen die Gaben der Gläubigen wegzuschleppen, als Ställe die Kirche zu benutzen.

Robert der Mönch, Papstrede:

Aus den Gebieten Jerusalems und aus der Stadt Konstantinopel erreichen uns wie schon so oft schlimme Nachrichten ...
Annregen soll Euch vor allem das Heilige Grab des Herrn, unseres Retters, das von unreinen Völkern besetzt gehalten wird, und die Heiligen Stätten, die entehrt und besudelt werden mit deren Unreinheiten.

Der Chronist Frutolf vor 1099:

Im Jahr des Herrn 1096 ... Aus allen Teilen der Erde, vor allem aber der westlichen Königreiche, zogen zahllose bewaffnete Scharen von Königen, Adligen und einfachem Volk beiderlei Geschlechts in Richtung Jerusalem. Ihre Leidenschaften waren aufgewühlt durch zahlreiche Botschaften über die Bedrängnis des Heiligen Grabes und die Verwüstung aller derjenigen Kirchen, die das wilde Volk der Türken vor einigen Jahren seiner Herrschaft unterworfen und durch unerhörte Beschwernisse allmählich zerstört hatte.

Behauptet werden schlimme Nachrichten, zahlreiche Botschaften, was die Autoren aber wiedergeben, beschränkt sich auf eine Vermischung der Peter-Erzählung und der Aussagen des Alexios-Briefes. Ekkehard von Aura:

Die Türken ... eroberten zunächst Nikäa, einst fester Turm des katholischen Glaubens, und töteten alle Christen, derer sie habhaft wurden. Dorthin legten sie ihre Truppen unter ihrem Tyrannen Suleiman und verwüsteten ringsherum gründlich alle Gebiete bis an das Meer, das St. Georgs-Arm genannt wird und verschonten keinen Christen, keine Kirche, kein Kloster, ja nicht einmal die Bilder der Heiligen.

Klingt wie eine Zusammenfassung des Alexios-Briefes, in dem ja der Mangel an Truppen beklagt und der ganze Westen um Beistand ersucht wird. Ekkehard:

Wegen der barbarischen Räuber, die bereits den größten Teil seines Reiches überschwemmt hätten, schickte auch Kaiser Alexios nicht wenige Briefe an Papst Urban, worin er beklagte, nicht genug Kräfte zur Verteidigung der orientalischen Kirchen zu haben. Wenn es sich machen ließe, so beschwor er ihn ... er möge den gesamten Westen zu seiner Hilfe aufrufen ...

An Papst Urban adressierte Briefe? Mit dieser Behauptung steht Ekkehard alleine da. Entweder ist sie aus der Luft gegriffen oder er kannte eine Version des Alexios-Briefes, in der zwecks Betonung der Bedeutung der Papst als Adressat eingesetzt wurde. Alle Autoren betonen, es habe eine Vielzahl von Botschaften existiert. Dass lässt den Schluss zu, dass viele Kopien mit sehr ähnlichen Botschaften in Umlauf waren. Einiges spricht dafür, dass es sich nur um Versionen einer einzigen gehandelt hat. Für die Gebildeten mag die Behauptung, es ginge um brüderliche Hilfe eine Rolle gespielt haben. Die Westchristen hatten mehrheitlich aber gute Gründe, auf ein derartiges Anliegen kühl zu reagieren. Warum Leuten helfen, von deren Existenz sie vorher nie etwas gehört hatten? Warum anderen beistehen, wenn ihnen selbst niemand beistand?

Lohnende Kampagne

Was die Leute kannten, waren Erzählungen vom Grab Jesu. Die Botschaft von der Besudelung heiliger Stätten musste jeden Gläubigen in Wallung bringen, sie war am ehesten für eine volksnahe Werbung geeignet. Aus den in Schriftform vorliegenden Botschaften und Aufrufen lässt sich schließen, was die Priester ihrem Publikum erzählt haben. Im südfranzösischen Kloster Moissac verfasste ein unbekannter Mönch 1096 ein Zirkular und gibt als Urheber Papst Sergius IV. (1009-1012) an.

Das Heilige Grab ist von ruchloser Heidenhand ganz und gar zerstört worden ... Die Christenheit möge zur Kenntnis nehmen ... dass ich selbst mit anderen Christen vom Meeresstrand aufbrechen will, um mit Gottes Hilfe das Volk der Araber vollständig zu vernichten und das Heilige Grab des Erlösers wieder unversehrt aufzurichten.

Es hat ja auch funktioniert. Frutolf:

Ihre Leidenschaften waren aufgewühlt durch zahlreiche Botschaften über die Bedrängnis des Heiligen Grabes ... Gesta Francorum: Die Gemüter waren in ganz Gallien heftig bewegt ...

Ekkehard weist auf den geschäftlichen Aspekt der Massenmobilisierung hin. Prediger und Kirchenverwalter gingen nicht leer aus.

Das Volk lief in unglaubliche Scharen in die Kirchen und nach einem neuen Brauch verteilte man vom Priester geweihte Schwerter, Stäbe und Kästchen.

Nach altem Brauch war beim Kirchenbesuch ein Geldopfer fällig und geweiht wurde in der Regel gegen Gebühr.

MEYERS GROSSES KONVERSATIONSLEXIKON, Leipzig 1905:

Als Palästina 1076 unter die Herrschaft der Seldschuken geriet, geriet, begannen harte Bedrückungen, so dass seitdem die traurigsten Nachrichten über die Entweihung der heiligen Orte und Misshandlungen der Pilger nach dem Abendland kamen, während zugleich auch Kaiser Alexius I. um Hilfe gegen die gegen die Seldschuken bat.