Inquisition und Albigenser
Inquisition Folter
Die Inquisition untersuchte und verurteilte - die weltliche Gewalt legte Hand an. Alle Beteiligte bereicherten sich am Besitz ihrer Opfer. Französische Chronik um 1325
Aus Peter Milger - Die Kreuzzüge - Krieg im Namen Gottes

Katharer-Kreuzzug - Inquisition und Finale

TOULOUSE FÄLLT

Der Sieg bei Muret bringt Montfort noch nicht die Herrschaft über Toulouse, da sich Graf Raimund erneut der Kirche unterworfen hat. Aber Montfort lässt nicht locker. Im Januar 1215 setzt das Konzil von Montpellier Graf Raimund ab und ernennt Simon von Montfort zum Verwalter der Grafschaft. Ende Mai kann er in Toulouse einziehen, zusammen mit Ludwig, dem Sohn des französischen Königs, der damit sein Kreuzzugsgelübde erfüllt. Von irgendeinem Jubel der Bevölkerung ist bei dem Chronisten der Kirche nicht die Rede. Die Anwesenheit des Thronfolgers zeigt, dass die Krone auf Dauer in Toulouse herrschen will. Den Bewohnern wird befohlen, die Befestigungen abzureißen. Auf einem Konzil im November 1215 in Rom werden die südfranzösischen Angelegenheiten endgültig geregelt. Der abgesetzte Graf Raimund VI. von Toulouse ist anwesend, aber es nützt ihm nichts. Papst Innozenz III. verfügt, dass die eroberten Gebiete an Simon von Montfort fallen. Der Sohn von Graf Raimund, Raimund VII., darf nur die provenzalischen Besitzungen behalten. Was die Waffen entschieden hatten, ist nun von
allerhöchster Seite abgesegnet.

DIE GEGENOFFENSIVE

Vier Monate später landen Raimund VI. und sein Sohn Raimund VII. in Marseille. Damit verstoßen sie gegen die Auflagen des Konzils, nach denen Raimund der VI. seine ehemaligen Besitzungen nie mehr betreten durfte. Ihre provenzalischen Untertanen jubeln, als seien der Papst und der König von Frankreich keine mächtigen Feinde. Mit der Landung in Marseille beginnt der Versuch Raimunds von Toulouse, seine feudalen Rechtstitel durchzusetzen. Das bedeutet: Der Krieg geht weiter. Viele kleine Adlige, die durch den Kreuzzug ihren Besitz verloren hatten, schließen sich den beiden Grafen an. Mit provenzalischen Truppen zieht der neunzehnjährige Raimund VII. gegen Beaucaire, das von Anhängern Montforts besetzt ist. Der Vater begibt sich nach Aragon. Die Truppen des jungen Grafen belagern im Mai 1216 die Zitadelle von Beaucaire, bis Simon von Montfort mit Verstärkungen heranrückt. Keine Seite kann die andere besiegen. Simon von Montfort muss seinen Gegner am Ende sogar abziehen lassen. Er hat die Nachricht erhalten, dass Raimund VI. Toulouse zurückerobern will. In Toulouse liefern die Bewohner den Besatzern Straßenschlachten. Das Blatt scheint sich zu wenden.

RAIMUND IN TOULOUSE

Am 13. September 1217 zieht Raimund VI. in Toulouse ein, während Montfort woanders Burgen erobert. Toulouse empfängt seinen Grafen wie einen Befreier. Gefangene Anhänger Simons von Montfort werden niedergemacht. Über die Ereignisse ab 1213 berichtet ein anonymer Fortsetzer des Chansons von Wilhelm von Tudèle. Der Chronist ergreift die Partei des Grafen von Toulouse. Er beschreibt den Einzug Raimunds VI.:

Herbei eilen sie alle. Große und Kleine
Barone und Damen, Männer und Frauen
Sie knien vor ihm, und bedecken mit Küssen
Seine Kleider und Beine, seine Arme und Hände

Die Bevölkerung erneuert in Erwartung eines Angriffs durch die Kreuzarmee in aller Eile die Befestigungen der Stadt. Die Kreuzfahrer können Toulouse nicht im Sturm nehmen. Monatelang halten die Truppen des Grafen und die Bewohner stand, obwohl Simon von Montfort Verstärkungen heranführen kann. Beiden Seiten geht es nicht um die Katharer in der Stadt. Die Bevölkerung will keine fremden Herren, die Kreuzfahrer wollen die Stadt erobern.

MONTFORT EST MORT - MONTFORT IST TOT

Am 25. Juni 1218 begibt sich Simon von Montfort zu seinem verletzten Bruder Guido. Der Fortsetzer des Chansons:

Während Guido wehklagte und sprechen wollte
Brachten die in der Stadt eine Schleuder in Stellung
Bedient von Frauen, Damen und Mädchen.
Der Stein flog dahin wo er einschlagen sollte
Er traf Graf Montfort am Helm, der aus Stahl war
Das Hirn brach in Stücke, die Augen, die Zähne
Der Graf fiel zu Boden, tot, blutend und fahl.

Die treffsicheren Damen berauben die Kreuzfahrer ihres Anführers. Die Belagerung ist beendet. Montfort ist tot, es lebe Toulouse, sollen die Bewohner gesungen haben. Und der Fortsetzer des Chansons berichtet:

Die ganze Stadt, alle laufen zur Kirche
Zünden Kerzen an in allen Leuchtern
Und rufen: >Gott ist barmherzig.<

MASSAKER IN MARMANDE

Mit dem Tod von Montfort war zwar die Belagerung, nicht aber der Krieg beendet. Ein Jahr später bewegt sich ein neuer Kreuzzug nach Süden. Am 12. Juni 1219 stürmen zehntausend Bogenschützen und sechshundert Ritter die Stadt Marmande. Angeführt werden sie von Montforts Sohn, dem Thronfolger Ludwig und zwanzig Bischöfen. Papst Innozenz III. hatte den Kreuzfahrern einst aufgetragen, die Häresie mit allen Mitteln zu bekämpfen. Marmande wird zur Plünderung freigegeben, obwohl dort überwiegend kirchentreue Christen leben. Das Chanson beschreibt, wie die Stadt in Besitz genommen wird:

Barone und Damen, die kleinen Kinder
Männer und Frauen, nackt und bloß
In Stücke geschlagen mit blutigen Schwertern
Rot glänzt der Boden, als sei Regen gefallen
Die Stadt versinkt in Feuer und Asche.

Das Massaker von Marmande bleibt nicht ungerächt. Raimund VII. gewinnt noch einmal die militärische Oberhand. Im vom Krieg gezeichneten Okzitanien wird der Traum von der Unabhängigkeit noch einmal geträumt. Aber im Jahr 1226 macht ein neuer Kreuzzug unter der Führung des neuen Königs Ludwig VIII. deutlich, dass Krone und Kirche nicht nachgeben würden. Toulouse blieb zwar in den Händen von Raimund VII., aber die Scheiterhaufen brennen wieder und das Land wird weiter verwüstet. Der französische König stirbt auf dem Rückweg vom Kreuzzug. Sein Sohn Ludwig IX., der spätere Heilige, ist noch unmündig. Die Statthalter der Krone setzten die Praxis der Zermürbungskriege fort.

DAS LANGUEDOC WIRD FRANZÖSISCH

Obwohl militärisch nicht geschlagen, gibt Raimund VII. auf. Die Verhandlungen werden 1229 in Meaux bei Paris abgeschlossen. Der Graf muß auf seine provencalischen Besitzungen verzichten, Gebiete im Norden an die Krone abtreten und seine Burgen und die Mauern von Toulouse schleifen. Schließlich wird verfügt, dass Graf Raimund seine Tochter für eine Ehe mit einem Bruder des Königs zur Verfügung stellen muss. Damit wird die Grafschaft Toulouse nach Raimunds Tod endgültig an die Krone fallen. Der König ist am Ziel, die Kirche noch nicht. Kurz vor Ostern muss sich Raimund in Notre-Dame der Kirche unterwerfen. Die Zeremonie hatte schon sein Vater erlebt. Im Büßerhemd bekennt er die ihm vorgeworfenen Verbrechen. Dann vollzieht der Legat die Züchtigung mit der Rute. Das Volk von Paris jubelt.

VOM KREUZZUG ZUR INQUISITION

Das Hauptziel war erreicht, der vorgeschützte Anlass, die Kirche der Katharer, bestand im Untergrund weiter. Die Priester konnten sich auf einige entlegene Burgen am Rand der Pyrenäen stützen, mit Feuer und Schwert allein war ihnen offensichtlich nicht beizukommen. Es bedurfte der Inquisition, um die Katharer auch geistig und kulturell zu vernichten. Anne Brenon, Leiterin des Archivs der Geschichte der Katharer, beschreibt die Aufgaben der Inquisition:

Die Kreuzzüge hatten die Häresie nicht ausrotten können. Der Inquisition gelang es. Die Inquisition war die Reaktion der Kirche auf den Sieg der Waffen. In den Jahren 1230-1233 setzte die Kirche eine sehr wirksame Polizei für religiöse Angelegenheiten ein, eben die Inquisition. Sie wurde den Franziskaner- und Dominikanermönchen anvertraut. Durch ein sehr präzises und umfassendes Verfahren, mit Registraturen und Karteien, gelang es der Inquisition allmählich alle katharischen Parfaits aufzuspüren, die es in Okzitanien noch gab, sie zu verhaften und durch die weltlichen Behörden verbrennen zu lassen. Nach etwa fünfzig Jahren hatte die katharische Kirche fast alle ihre Priester verloren. In der gleichen Zeit hat die katholische Kirche Tausende von Mönchen im Land umherziehen lassen, mindere Brüder und Prediger, als Ersatz für die katharischen Parfaits. Sie sollten der katholischen Bevölkerung eine unmittelbare Form der Religionsausübung ermöglichen.

In Fanjeaux, bei Carcassonne hat der heilige Dominikus eine Zeit lang gewirkt. Er vertraute auf die Kraft der Predigt und des Vorbilds. Er gehörte zu denen, die die Kirche von unten reformieren wollten. In dem Haus, in dem Dominikus arbeitete, ist ein kleines Museum eingerichtet worden. Hier erfährt man ungefragt, dass Dominikus nichts mit der Inquisition zu tun hatte. Sie wurde tatsächlich erst zehn Jahre nach seinem Tod eingeführt. Die minderen Brüder klagten die Weltlichkeit in der Kirche an und kamen den Menschen näher, weil sie auf sie zukamen. Damit aber bereiteten sie den Boden für weitere Häresien. Die Protokolle der Inquisition zeigen, dass die Verfahren streng nach kirchlichem Recht durchgeführt wurden. Das Geständnis unter Folter galt anfangs nicht als Beweismittel. Das Eigentum der Verurteilten fiel an das Tribunal, die Kirche und die Behörden. Das war ein Anreiz: Die Protokolle atmen den Geist der Denunziation. Der geringste Hinweis genügte, um ein Verfahren einzuleiten. In Okzitanien herrschte ab 1230 ein Klima der Angst und Intoleranz.

DER SCHLUSSAKT

Der letzte Aufstand in Okzitanien beginnt im Mai 1242 mit der Ermordung der Mitglieder eines Inquisitionstribunals in Avignonet, zwischen Toulouse und Carcassonne. Die Täter, einige Ritter aus der Katharerburg Montségur und Bürger der Stadt dringen am 28. Mai in den Burgturm ein, in dem das Inquisitionstribunal untergebracht ist. In der Schlafkammer metzeln sie die Inquisitoren und deren Diener nieder. Die Strafe für die Ermordung der zwölf Männer war fürchterlich. Die ganze Stadt wurde exkommuniziert. Und der Aufstand brach angesichts der militärischen Übermacht der Armee des französischen Königs Ludwig IX. zusammen. Der Schlussakt beginnt mit der Belagerung der Katharerfestung Montségur im Frühjahr 1243 durch eine überlegene französische Armee. Von Raimund VII. ist keine Hilfe mehr zu erwarten. Er hat sich nach dem Aufstand erneut der Krone und der Kirche unterworfen. Trotzdem halten die Belagerten monatelang stand. Sie verteidigen den letzten Stützpunkt der katharischen Kirche. Der Historiker Michel Roquebert schildert den letzten Akt der Vernichtung der katharischen Kirche:

Hundert Bewaffnete haben die Burg zehn Monate lang gegen die Armee des heiligen Ludwig IX. gehalten. Anfang März 1244 haben sie sich ergeben. Die Inquisition, die sich bei den Soldaten des Königs befand, fragte wie üblich, ob unter den Parfaits jemand dabei sei, der abschwören wolle. Und wer nicht abschwören wolle, würde sofort dem Scheiterhaufen überantwortet. Nicht ein einziger hat abgeschworen. Sie verbrannten alle auf dem Scheiterhaufen. Es kommt noch besser. Zwanzig Personen, Ritter, Soldaten, Sergeanten, haben drei Tage vor der Verbrennung mit ihren Frauen das katharische Sakrament empfangen. Sie wussten, dass sie damit den Scheiterhaufen erleiden würden. So wurden zweihundertzehn katharische Gläubige verbrannt und die zwanzig, die freiwillig den anderen auf den Scheiterhaufen folgten.

Dort, wo der Scheiterhaufen vermutlich brannte, befindet sich heute ein Gedenkstein. Zuweilen legen Touristen dort Blumen nieder. Die Sehnsucht nach einem unabhängigen Okzitanien und neokatharische Strömungen haben sich vermischt. Die Leidensstätten der Katharer sind als Reiseziel in Mode gekommen.

ANSCHLUSS VOLLENDET

Im Januar 1248 übereignet Graf Raimund VII. auf dem Sterbebett Toulouse an den Rat der Stadt. Die Geste hat allerdings nur eine symbolische Bedeutung. Am 23. Mai 1251 übernimmt Alfons von Poitiers, Bruder des Königs und Ehemann von Johanna von Toulouse, die Grafschaft. Die neue Administration schränkt die Rechte des Stadtrats ein, erhöht die Steuern und führt das Französisch des Nordens als Amtssprache ein. Im August 1271 stirbt das gräfliche Paar auf dem Rückweg von einem Kreuzzug nach Tunis und im Oktober wird Toulouse direkt der Krone unterstellt. Die Rechtsverordnungen der königlichen Beamten engen die traditionellen Freiheiten der Bürger weiter ein. Widerstand ist mit hohen Risiken verbunden. Eine Stadtchronik vermerkt lapidar:

Vergessen wir nicht, dass die Inquisition zur gleichen Zeit in der Stadt mit der äußersten Härte zuschlug.

Kreuzzug und Inquisition haben sich als wirkungsvolle Instrumente der Kolonisierung bewährt. Im Burghof von Villerouge-Thermenès endet im Jahr 1321 der letzte katharische Parfait auf dem Scheiterhaufen.