(2) Das Hilferssuchen des Kaisers Alexios - aus Propaganda wird historische Wahrheit

Laut unserer Geschichtsschreibung hat Kaiser Alexios Papst Urban um Beistand gegen die Türken ersucht. Das widerspricht unstrittigen Fakten. Vor allem diesem:

Oströmische Truppen unter Kaiser Alexios hatten in den vorangegangenen Jahren nur mit Mühe mehrere Invasionen der süditalienischen Normannen abgewehrt. Deren Lehnsherr war - Papst Urban.

Warum soltte Alexios seine erbittersten Feinde einladen, in Ostrom einzumarschieren? Diese Frage wird im christlichen Westen notorisch nichteinmal gestellt. Als Alexios erfuhr, dass sich der Heerzug näherte, was er zutiefst erschrocken.
Privilegurkunde des Kaisers Alexios III. für das Kloster Dionysiou auf dem Athos
Bildungsgut

Neuzeitlich werden Verlauf und Ausgang der Kreuzzüge eher als Desaster beschrieben. Was Motive und Legitimation betrifft, werden aber weiter die Verlautbarungen der Initiatoren der Unternehmung fortgeschrieben. Motiv: Beistand für die christlichen Brüder im Osten. Legitimation: Ein Hilfeersuchen des oströmischen Kaisers Alexios. Auf einen Nenner gebracht: Wenigstens was die Absichten betraf, braucht sich der christliche Westen nicht zu schämen.

BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE, Mannheim 1990:

Kreuzzug. Auf der Synode von Clermont rief Papst URBAN 11. am 27.11. 1095 die Christenheit zum >heiligen Krieg< gegen den Islam auf, als Antwort auf Hilferufe des byzantin. Kaisers gegen die türk. Seldschuken. .

MEYERS GROSSES KONSERVATIONSLEXIKON, Leipzig 1905:

Als Palästina 1076 unter die Herrschaft der Seldschuken geriet, geriet, begannen harte Bedrückungen, so dass seitdem die traurigsten Nachrichten über die Entweihung der heiligen Orte und Misshandlungen der Pilger nach dem Abendland kamen, während zugleich auch Kaiser Alexius I. um Hilfe gegen die gegen die Seldschuken bat.

Der Star unter den englischen Historikern Steve Runciman:

Unter den Besuchern, die dem Konzil beiwohnten, waren Abgesandte des Kaisers Alexios ... Die byzantinischen Botschafter wurden gebeten, sich an die Versammlung zu wenden. Ihre Reden sind nicht erhalten ... Die Bischöfe waren beeindruckt und der Papst war es auch.

Kein Zitat, keine Erörterung der Glaubwürdigkeit. Auf dergleichen verzichtet auch der hoch angesehene und ebenso einflussreiche Hans Eberhard Mayer, das Thema betreffend der kenntnisreichste deutsche Historiker.

Als Urban II. Im März 1095 ein Konzil in Piacenza abhielt, fügte es sich, dass auch Gesandte des byzantinischen Kaisers zugegen waren, die darauf hinwiesen, wie willkommen Alexios westliche Söldner sein würden ... Man hat die Stelle bei Bernold von Konstanz heftig angefeindet, aber nie ernstlich widerlegt.

Im Streit der Parteien

Die Stelle ist die einzige Beleg für das zitierte Hilfeersuchen. Wie problematisch die Quelle ist, erkennt man nur, wenn man sie zitiert. Der Chronist Bernold von Konstanz ergreift nämlich ganz offen Partei für das politische Lager von Papst Urban. Bernold:

Um diese Zeit hatte der Papst durch die Hilfe Gottes und des hl. Petrus so sehr überall die Oberhand erlangt, dass er inmitten der Lombardei in der Stadt Piacenza umgeben von den Schismatikern gegen sie eine Synode ansagen konnte, zu der er die Bischöfe von Italien, Burgund, Frankreich, Alemannien, Bayern und anderen Provinzen berief ...

Die Schismatiker, das waren Kaiser Heinrich der IV. und die mit ihm verbündeten Bischöfe. Angespielt wird auf den Investiturstreit, der nicht nur die Kirche spaltete. Das Recht, die Bischöfe einzusetzen war für die Macht- und Geldverteilung im Reich von entscheidender Bedeutung. Ab 1075 machten sich König Heinrich IV. und Papst Gregor VII. vor allem dieses Recht mit Entschiedenheit streitig. Beide Parteien agierten mit allen verfügbaren Mitteln: Propagandistischen, diplomatischen, rechtlichen und militärischen. Aus der jeweiligen Sicht unbefugt, enthoben sich die Kontrahenten sogar gegenseitig ihrer Ämter. Der Konflikt verlor auch dem Tod von Papst Gregor nicht an Schärfe. Ein Umstand, den Fulcher von Chartres, Chronist und Augenzeuge des 1. Kreuzzuges, schon mit dem ersten Satz seiner Chronik anspricht:

Im Jahr 1095, als der sogenannte Kaiser Heinrich in Alemannia und König Philipp in Frankreich regierten, gab es viele Übel in ganz Europa durch mangelnden Glauben. Über die Kirche herrschte Papst Urban II.

Nur über einen Teil der Kirche. Im Jahr 1080 hatte eine mit Heinrich verbündete Bischofgruppe einen gewissen Wibert zum Papst erhoben. Dieser wiederum krönte dann als Klemens III. im Jahr 1084 Heinrich zum Kaiser. Daher schreibt Fulcher: Sogenannter Kaiser. Urban II. war der Papst der Gregor-Partei. Und Fulcher, ein Parteigänger Urbans, war mit dessen Politik vertraut und billigte sie offensichtlich. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

Der Teufel, stets bemüht den Menschen zu schaden und wie ein Löwe auf Beute aus, bot gegen Urban zur Verwirrung des Volkes einen Gegner namens Guibert auf. Dieser vom Hochmut aufgestachelten Mann hatte mit Unterstützung des bayrischen Kaisers schon begonnen, sich das apostolische Amt anzueignen, als Gregor es noch rechtmäßig auf dem heiligen Stuhl saß und schloss diesen von der Schwelle zur Basilika des heiligen Petrus aus.

Bernold schreibt, das Konzil in Piacenza sei gegen die Schismatiker einberufen worden. Seine Aufgabe war es, die Kunde darüber zu verbreiten. Er wurde ihr auch gerecht.

Es kamen ungefähr 4.000 Kleriker und 30.000 Laien zusammen ... Tatsache ist auch, dass eine so große Menschenmenge zusammenströmte, dass sie keine dortige Kirche aufnehmen konnte. Daher musste der Herr Papst außerhalb der Stadt auf freiem Feld zelebrieren ...

Die Formulierung Bernolds löst ein Problem

Kaiser Heinrich verweigerte Urban die Anerkennung als Papst. Das Manko konnte nur der zweite römische Kaiser beheben. Alexios hätte sich durch seine Gesandten nicht persönlich an Urban gewendet, sondern an Papst Urban. Bernold formuliert in dieser Hinsicht sehr präzise.

Ebenso kam eine Gesandtschaft des Kaisers von Konstantinopel zu dieser Synode, die den Herrn Papst und alle Gläubigen Christi demütig anflehte, ihm gegen die Heiden eine noch so kleine Hilfe zur Verteidigung der heiligen Kirche zu bringen. Die Heiden hätten sie in jenen Gebieten schon beinahe zerstört, die sie bis zu den Mauern Konstantinopels besetzt hielten. Zu dieser Hilfeleistung flehte der Papst viele Leute so an, dass sie ihm sogar mit einem Eide versprachen, mit Gottes Hilfe dorthin zu ziehen ...

Hans Eberhard Mayer schreibt zwar, dass die Stelle angefeindet wurde, aber nicht warum. Sie ist dubios, weil sie falsche Formulierungen enthält. Kaiser Alexios war 1095 keineswegs auf eine noch so kleine Hilfe (aliquod auxilium) angewiesen und echte Gesandte hätten niemals irgendwen im Namen des Kaisers demütig angefleht (suppliciter imploravit). Ein solcher Auftritt hätte auch Kaiser Heinrich brüskiert, eben weil die symbolische Aussage eines solchen Ersuchens lautete: Ich, Kaiser Alexios erkenne dich als Papst an. Genau darum ging es aber Bernold, und der war der Sache Urbans sicher mehr verpflichtet als der Wahrheit. Aber auch wenn er tatsächlich den Auftritt einer Gesandtschaft beobachtet hätte, bliebe unklar, ob sie von Kaiser Alexios legitimiert war. Es wäre ein leichtes gewesen, oströmische Kleriker einzuladen und ein Hilfeersuchen aussprechen zu lassen. Solche Inszenierungen im Streit der Parteien waren nicht ungewöhnlich. Bei dieser Sachlage bedarf es mindestens einer zweiten Quelle, um solche Gewissheiten zu verkünden:

LEXIKON DER DEUTSCHEN GESCHICHTE, Körner, 1977:

Kreuzzüge. Äußerer Anlass für das Entstehen der K. war das Vordringen der seldsch. Türken in Kleinasien nach ihrem Sieg bei Mantzikert (Armenien) 1071 und dem dadurch verursachten Hilferuf aus Byzanz.

Nicht erwähnt wird ein Hilfeersuchen einer kaiserlichen Gesandtschaft:

* In den Briefen, die Urban in dieser Angelegenheit ausfertigen ließ.
* In den diversen Aufrufen (Papstreden), die alsbald verfasst werden.
* Von den Chronisten des Kreuzzugs.
* In den oströmischen Quellen.

Daher haben einige Historiker Zweifel angemeldet. Für solche Fälle steht der Zunft der Terminus umstritten zu Gebote. Aber nein. Aus offensichtlicher Propaganda wird eine historische Wahrheit.

WIKIPEDIA

Lässt die Gesandten des Kaisers nicht in Piacenza aufkreuzen, sondern in Clermont.

Vom 18. bis 28. November 1095 fand unter Vorsitz von Papst Urban II. eine Synode in der Kathedrale der französischen Stadt Clermont statt. Neben 182 Kardinälen, Bischöfen und Äbten aus Italien, Spanien und Frankreich war unter anderem eine byzantinische Gesandtschaft angereist.

LEXIKON FÜR THEOLOGIE UND GESCHICHTE, Herder, 1997:

Der erste K. Urban II. nahm ein Hilfeersuchen des byz. Ks. Alexios I. Komnenos z. Anlass, am 27.11. 11095 in Clermont. Unterstützung für die Christen des Ostens u. z. Befreiung Jerusalems aufzurufen.

DEUTSCHE GESCHICHTE, Bertelsmann 1987, Band 2, S. 316:

Als Papst Urban II ... im November 1095 mit zündenden Worten zur Befreiung Palästinas unter seiner Führung aufrief ... Seinen Entschluss hatte entscheidend ein Hilfeersuchen gefördert, das der griechische Kaiser Alexios Komnenos vor der Synode an ihn gerichtet hatte.

Leute von Fach fänden heraus, so sie sich bemühten, wie Kaiser Alexios reagierte, als ihm das Nahen der bekreuzten Westchristen gemeldet wurde:

Er fürchtete ihre Ankunft, weil er ihre unkontrollierten Leidenschaften kannte, ihren unsteten Charakter, ihren Wankelmut. Zu erwähnen sind auch die anderen Eigenschaften der Kelten und ihre unvermeidlichen Folgen: Ihre Geldgier zum Beispiel ...

So die Historikern Anna Comnena, die Tochter von Alexios, die folgerichtig weder ein mündliches noch ein schriftliches Hilfeersuchen erwähnt. Schlechte Erfahrungen hatte Alexios vor allem mit Herzog Robert Guiscard, dem weltlichen Schutzherrn und militärischem Arm von Papst Gregor VII. gemacht.

Feldzüge gegen Ostrom, ein Überblick

Herzog Robert Guiscard kam aus der Normandie, hatte mit seiner waffenerprobten Sippschaft in Süditalien oströmische Territorien an sich gebracht. 1059 belehnte Papst Nikolaus II. Robert Guiscard mit den Herzogtümern Apulien und Kalabrien. 1071 eroberten die Normannen Bari, den letzten oströmischen Stützpunkt in Italien. Im gleichen Jahr wurde das Heer Ostroms bei Manzikert in Anatolien von den türkischen Invasoren völlig aufgerieben. Die Sieger brachten eine Stadt nach der anderen an sich und waren schon fast bis Konstantinopel vorgerückt, als Alexios 1080 gelang, zum Gegenangriff überzugehen. Brüderliche Hilfe aus dem Westen blieb aus. Stattdessen überquerte im März 1081 eine Armee unter Führung von Herzog Robert Guiscard die Adria und landete in Epiros. Das Ziel, Konstantinopel, konnten sie nicht erreichen, weil die Truppen des Kaisers die Oberhand behielten. Eine zweite Invasion der Normannen im Herbst 1084 scheiterte unter ähnlichen Umständen. Bei beiden Feldzügen zur Abwehr der Normannen musste Alexios Truppen von der Front in Anatolien abziehen.

Hilfe vom ärgsten Feind?

Alexios musste annehmen, dass Papst Gregor das Vorgehen Roberts zumindest billigte und beide ein weiteres Vorrücken der Feinde Gottes in Kauf nahmen. Er wusste also, was er von der Gregor-Partei zu halten und zu erwarten hatte. Papst Urban war wie Gregor auf ein Bündnis mit Robert Guiscard angewiesen. Alexios wusste das. Urban um Truppen bitten konnte aus seiner Sicht nur bedeuten, Robert und seine Männer zu einem Besuch einzuladen Historiker, die Bernolds Auskunft für zutreffend halten, pflegen diese Erwägung nicht anzustellen. Hans Eberhard Mayer traut Bernold von Konstanz, aber nicht den Gesandten, die der Chronist auftreten lässt.

Offenbar übertrieben sie die gefährliche Lage des Reiches, so dass sich in den Kreisen der Kurie die Meinung bildete, dem byzantinischen Reich könne nur mit drastischen Mittel geholfen werden.

Mayer meint offensichtlich den Satz:

Die Heiden hätten sie (die Kirche) in jenen Gebieten schon beinahe zerstört.

Der Historiker hält das für eine Übertreibung, will er die Lage der Ostchristen den Quellen entsprechend anders einschätzt.

Es ist nicht nachzuweisen, dass die Türken die östlichen Christen unterdrückten, wie westliche Quellen und angeblich Urban II. behaupteten. In den eroberten Gebieten wurden Christen nicht anders behandelt, als es unter dem Islam immer gewesen war. Sie galten als unterworfene, aber den Schutz des islamischen Gesetzes genießende steuerpflichtige religiöse Minderheit mit begrenzter Kultfreiheit.

Das war in etwa die Lage, die auch die Augenzeugen des Feldzugs schildern. Nur, in den Städten bildeten die Christen noch immer die Mehrheit. Ob es die neunen Steuereintreiber es ärger trieben als vorher die kaiserlichen, ist leider noch nicht erforscht worden.

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