Die Suche nach der Franklin-Expedition, die Erzählungen der Inuit, & die traurigen Funde auf King William Island

aus: Peter Milger, NORDWESTPASSAGE, der kurze aber tödliche Seeweg nach China oder die Gesellschaft der Abenteurer, vgs, Köln, 1994. Das Buch ist leider vergriffen, aber im Netz antiquarisch erhältlich. TV-Serie auf Youtube (suche Nordwestpassage + Milger)
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WRACK ERZÄHLT NICHTS NEUES

2014 wurde ein Wrack der Franklin-Expedition gefunden. Es erzählt leider keine Auskunft über das traurige Ende der Männer, die mit den Schiffen Erebus und Terror unter dem Kommando von John Franklin auf der Suche nach einer Nordwestpassage den Tod erlitten.

BILANZ DER FRANKLIN - SUCHE NACH ZEHN JAHREN

1848 war die Investigator unter Kapitän McClure vom Pazifik her in das arktische Archipel auf der Suche nach den Verschollenen vorgedrungen. Auf Banks Island fror das Schiff ein kam nicht mehr frei. Nach drei Überwinterungen konnte die Mannschaft mit Schlitten die Schiffe einer anderen Suchexpedition im Lancaster Sound weiter nördlich erreichen. 1854: Nach einer weiteren Überwinterung treten McClure und die Mannschaften von vier ebenfalls eingefrorenen Suchschiffen die Heimreise nach Osten an. Bilanz der Franklin-Suche: 32 Tote, fünf Schiffe aufgegeben. Gefunden wurden keine Botschaften oder Überlebende der Franklin-Expedition, dafür konnte eine Passage kartiert werden, denn McClure und seine Männer hatten den amerikanischen Kontinent umrundet. Schiffbar war dieser fast durchweg zugefrorene Wasserweg praktisch nicht, doch McClure konnte einen Teil der ausgesetzten Belohnung einstreichen. Lady Franklin erhob Einspruch: John Franklin habe vielleicht vorher eine Nordwestpassage entdeckt. Sie beauftrage Kapitän McClintock mit der Fox die Suche weiter im Süden fortzusetzen. Und sie sollte recht behalten.

DIE BOTSCHAFT - ALLE WOHLAUF

Nach dem ersten Kontakt mit Inuit unternehmen im Frühjahr 1859 zwei Trupps der Fox Schlittenreisen nach King Williams Island. McClintock untersucht den Süden. Auf dem Rückweg findet er eine Nachricht des anderen Suchtrupps. Nach fast zehnjähriger Suche war es endlich soweit. McClintock:

"Hobson sah kein Wrack, aber er fand die Nachricht, die so leidenschaftlich gesucht worden war. Es war wirklich eine traurige und rührende Hinterlassenschaft unserer verschollenen Freunde."

Für die Botschaft wurde jener Vordruck benutzt, der eigentlich bei jeder Gelegenheit mit den neuesten Informationen hinterlegt werden sollte. Der gedruckte Text forderte den Finder auf, das Papier an die britische Admiralität weiterzuleiten. Die erste Nachricht wurde auf die leeren Zeilen des Vordrucks gekritzelt:

"28. Mai 1847. H.M.Ships Erebus und Terror überwinterten im Eis auf Lat. 70°5'N Long. 98°23'W. Davor überwintert in 1846-7 auf Beechy Island auf Lat.74°34'28"N. Long.91°39'15"W, nach dem Aufstieg bis Lat.77° im Wellington Channel und der Rückkehr auf der Westseite von Cornwallis Island. Sir John Franklin befiehlt die Expedition. Alle wohlauf. Ein Trupp bestehend aus 2 Offizieren und 6 Mann hat die Schiffe am Montag, dem 24. Mai 1847, verlassen. G.M. GORE, Lieut. Chas. F. Des VOEUX, mate."

Die Datierung der Überwinterung auf Beechy Island ist falsch, sie hat laut den Grabinschriften im Winter 1845/46 stattgefunden. (Noch ein Rätsel!) Die Expedition hatte also 1845 Cornwallis Island umrundet und war 1846 in den Peel Sound vorgedrungen. Belcher hat fast die gesamte Küste entlang dieser Route Meter für Meter absuchen lassen. Vergeblich. Offenbar hielt es Franklin zwei Jahre lang nicht für nötig, eine mögliche Suchexpedition über seine Ziele zu informieren. Ob es Hochmut war oder Leichtsinn, unverantwortlich war dieses mitteilungslose Vorgehen in jedem Fall. Lieutenant Gore hat sich dann auf King Williams Island doch entschieden, sich an die Anordnungen der Admiralität zu halten. Gemäß der angegebenen Position hatte die Expedition 1846/47 also im Nordwesten von King Williams Island im Packeis überwintert. Das Ziel seiner Landexpedition nennt Gore leider nicht.


PASSAGE NICHT GESUCHT

Simpson und Dease hatten 1839 über den Coppermine River den Süden von King Williams Island erreicht und den nördlichsten Punkt ihrer Reise Cape Herschel getauft. Zwischen der Position bei der Überwinterung 1846/47 und Cape Herschel sah Franklin auf der Karte den letzten weißen Fleck der Nordwestpassage vor sich. 300 Kilometer trennten ihn vom Triumph. Solche Entfernungen waren von Schlittentrupps schon bewältigt worden. Immerhin bestand die Chance, als Entdecker der Nordwestpassage auf die Nachwelt zu kommen - tot oder lebendig. Die Chance wurde nicht genutzt. Gore hätte die Entdeckung einer Passage sicher erwähnt, und er selbst sollte wohl nur eine Landungsstelle und Wildgründe erkunden. Ende Mai war es zu spät für eine Schlittenreise nach Cape Herschel. Franklin hat also die Zeit bis Ende Mai 1847 nicht genutzt, um eine Passage suchen zu lassen, obwohl noch "alle wohlauf" waren. Was hat ihn daran gehindert? Auch das bleibt ein Rätsel.

DAS STERBEN HAT BEGONNEN

Rund 11 Monate später wurde der Rand des gleichen Vordrucks benutzt, um die schlechte Nachricht zu überliefern:

"25 April 1848. H.M.Ships Terror und Erebus wurden am 22. April 15 Meilen von hier aufgegeben, nachdem sie seit dem 12. September 1846 eingeschlossen waren. Offiziere und Mannschaften, bestehend aus 105 Seelen, unter dem Befehl von F.R.M. Crozier, landeten hier auf Lat. 69°37`42"N., long. 98°41'W. Sir John Franklin starb am 11. Juni 1847. Der gesamte Verlust an Toten dieser Expedition war bis heute 9 Offiziere und 15 Mann. F. R. M. CROZIER, Captain and Senior Officer. JAMES FITZJAMES, Captain H. M. S. Erebus. Und brechen morgen, am 26. zum Backs's Fish River auf."

Die Befehlshaber haben nicht nur das Geschehen skizziert, sondern auch das Ziel genannt. Sie wussten, dass sie Hilfe brauchen würden. Nur wurde die Botschaft erst nach elf Jahren gefunden, weil es vorher keine anderen gab, die die Suchexpeditionen nach King Williams Island geführt hätten.

DAS HAUPTRÄTSEL

Weder McClintock noch spätere Autoren gehen der Frage nach, was in den elf Monaten zwischen den beiden Nachrichten auf den beiden Schiffen passiert ist. Für mich ist das größte Rätsel, wie neun Offiziere zu Tode kommen konnten. Offiziere waren in der Regel umsichtiger und besser genährt als Mannschaftsgrade. Elf Monate vorher waren "alle wohlauf". So rapide hat bei keiner Expedition Skorbut zum Tode geführt, und nie bei Offizieren. Die Nachricht spricht nur von "Verlusten" und verschweigt die Todesursachen. Wenn Krankheit die Ursache war, warum heißt es nicht "Verlust durch Krankheit? Es hätte den Ruf der Expedition am wenigsten beschädigt. Geradewegs lügen konnten die Befehlshaber natürlich auch nicht. Also müssen Todesursachen in Erwägung gezogen werden, die dem Ruf der Expedition abträglich sind. Und das wären: Meuterei, unsinnige Manöver, schlechte Führung.

KEINE VERWIRRUNG

Bei der Aufgabe von Schiffen war es üblich, an Land ein Basisdepot zu errichten. So geschah es auch in diesem Fall. McClintock fand an der Landungsstelle:

"Eine große Ansammlung und Vielfalt von Dingen war um den Cairn deponiert, darunter vier schwere Schiffsherde, Äxte, Schaufeln und Eisenhaken und ein Haufen Bekleidung."

Aber keine Nahrungsmittel und Boote. Bei der Weiterreise mit Schlitten hatten die Schiffbrüchigen also alles zurückgelassen, was sie nicht brauchten. Ihr Hauptproblem war, dass sie die Boote mitnehmen mußten. Auch der nächste Posten an der Hudson Bay war mehr als 1000 Kilometer entfernt und daher zu Fuß für eine geschwächte Mannschaft unerreichbar. Ihr Nahziel, Back's Fish River, liegt auf dem Kontinent 300 Kilometer Luftlinie entfernt. Dort konnten sie mit Wild und Fischen rechnen. Auch John Ross nahm 1831 in der gleichen Situation die Boote und die Kranken mit. Da die Mannschaft bei äußerster Mühsal kaum mehr als 10 Kilometer am Tag schaffte, kam es beinahe zu einer Meuterei. Ross ließ die Boote schließlich zurück, weil es in dem vor ihm liegenden Depot genug Boote gab. Die Schiffbrüchigen der Erebus und Terror hätten ohne die Boote keine Chance gehabt. So schleppten sie entlang der Küste von King Williams Island auf Schlitten mehrere Beiboote mit. Wieviel Proviant konnten sie zusätzlich bewegen? Schwer schätzbar, da wir die Zahl der Kranken nicht kennen. Nach den späteren Funden und den Berichten der Inuit dürfte der Proviant für ca. 40 Tage ausgereicht haben. Ihre einzige Chance bestand darin, rechtzeitig offenes Wasser und den wild- und fischreichen Süden zu erreichen.

JAGDAUSFLUG?

David C. Woodman hat 1991 in seinem Buch UNRAVELLING THE FRANKLIN MYSTERY neben vielen interessanten Thesen auch einige gewagte mitgeteilt. Zum Beispiel die, 1848 seien die Schiffe nur zur "saisonalen Jagd" verlassen worden. Das ist nun wirklich völliger Unsinn. In der Botschaft heißt es "abandon" (verlassen, im Sinn von aufgeben) und nicht "left". 24 Männer waren bereits gestorben, alle Überlebende (105) verließen die Schiffe, also auch die Kranken und Geschwächten. Auch der grausamste und dümmste Offizier der Marine hätte sie nie bei einem Jagdunternehmen mitgenommen. Entlang der Küste wurden Dutzende von Toten gefunden. Die Zahl ist unklar, da die Inuit keine genauen Zahlen der von ihnen gefundenen Toten angeben konnten.

AM ENDE IHRER KRÄFTE

Schon Dr. Rae hatte von den Inuit gehört:

"Alle, mit der Ausnahme des Anführers, zogen an Seilen den Schlitten mit dem Boot. Sie waren abgemagert, und der Proviant schien ihnen auszugehen."

Sie waren also zu langsam und der Proviant wurde knapp. Rund 100 Kilometer südlich der Landungsstelle fand McClintock ein Beiboot.

"Etwas im Boot ließ uns vor Ehrfurcht erstarren. Es waren Teile zweier menschlicher Skelette."

Die beiden Männer waren offenbar verhungert, denn es waren nur noch 40 Pfund Schocklade vorhanden, neben Uhren, Kleidern, zwei Gewehren einigen religiösen Büchern und einem Silberbesteck. Aus der vorgefundenen Situation haben manche Autoren geschlossen, es habe kein planvolles Handeln mehr vorgelegen. Mir scheint das nicht einleuchtend. Die Engländer konnten nur mit Bestecken essen und sie waren fromme Christen. Bücher und Bestecke machten sicher weniger als 1 Prozent der Last aus. Davon hing ihr Überleben nicht ab. Das Dilemma war objektiv. Mit Booten waren sie zu langsam, ohne Boote hatten sie keine Chance. McClintock hatte noch einen einzelnen Toten gefunden:

"Der arme Mann schien bei seinem letzten mühseligen Gang auf das Gesicht gefallen zu sein, wie die Inuitfrau erzählt hatte: `Sie fielen hin und starben, wie sie da liefen.`"

McClintock konnte bei der zweiten Expedition mehr von den Inuit erfahren als bei der ersten Begegnung. Sein Dolmetscher Petersen hat auch ein Buch geschrieben. Er zitiert wie McClintock leider nicht wörtlich:

"Ich bekam aus ihnen heraus, dass ein großes Schiff mit Masten aus dem Norden mit dem Eis angetrieben kam, aber es wurde von den mächtigen Eispackungen nordwestlich von King Williams Island zerquetscht und sank daraufhin; deshalb hatten sie nichts von dem Wrack bergen können. Alle Menschen waren jedoch schon vorher in kleinen Booten an Land gegangen und hatten sich nach Süden aufgemacht, aber nach und nach sind sie umgefallen und verhungert... Ich fragte sie nun, ob sie selbst gesehen hätten, was sie eben gesagt hatten. Sie antworteten, dass sie es selbst nicht gesehen hätten, sondern von anderen gehört hätten. Einige seien jedoch auf einer Insel gewesen, die weiter im Süden lag. Dort hätten sie Skelette von weißen Männern liegen sehen, einige davon waren beerdigt. Das Boot der weißen Männer sei vom Eis zerquetscht worden."

WIEDER BEMANNT?

Im Nordwesten von King Williams Island können die Inuit das Verlassen der Schiffe nicht beobachtet haben. McClintock fand dort an Land an mehreren Stellen wertvolle Hinterlassenschaften aus Eisen, also waren bis 1859 keine Inuit dort. Im Südwesten und Süden der Insel waren sie dagegen längst fündig geworden. Warum haben sie nicht im Norden gesucht? Weil sie sicher waren, dass beide Schiffe im Südwesten angekommen waren? Sie hatten dort den Schlittentrupp gesehen. Haben sie auch die Schiffe dort gesehen? Waren die Schiffe unbemannt nach Süden getrieben und hatten die Schiffbrüchigen eingeholt? Wenn ja, dann haben auch die Schiffbrüchigen ihre Schiffe gesehen. Und sie konnten sie auch erreichen, denn sie führten ja ihre Boote mit. Kamen die Inuit gerade an, als eines der Schiffe wieder verlassen werden mußte? Oder hatten die Inuit es doch nicht selbst gesehen, sondern von den Schiffbrüchigen gehört - so wie es die Informanten von Dr. Rae erzählt hatten? Alles denkbar, nichts ist sicher.

Aus irgendeinem Grund "wussten" die meisten Informanten, dass ein Schiff "zu schnell" gesunken war. Was aber war mit dem anderen? Petersen erfuhr eine weitere Version. (Die englischen Ortsnamen hat Petersen eingesetzt, der sich die Stellen auf der Karte zeigen ließ.)

"Hingegen gab ein anderer Eskimo eine wichtige Information... Er erzählte, er habe sein Messer von einem anderen Eskimo bekommen. Es sei aus einem viel längeren Messer gefertigt, welches er bei einem Schiff gefunden habe, welches auf der Westküste von King Williams Island auf das Land geworfen worden war... Er erzählte, dass die Inuit auf King Williams Island zwei große Schiffe gesehen hätten. Das eine davon wurde vom Eis zerdrückt und sank darauf zu ihrem Leidwesen, da sie nichts von dem Wrack bergen konnten. Das andere jedoch wurde im Laufe des Jahres an Land geworfen. Diese Stelle nannten die Eskimos Oklulik. Die Mannschaft hatte beide Schiffe verlassen, lange bevor das eine sank, und war mit Booten und Schlitten nach Süden gezogen, aber im Winter und folgenden Frühjahr hatten Eskimos diese Männer am großen Fluß tot aufgefunden. Auf dem gestrandeten Schiff sei ein toter Mann gewesen. Er sei sehr groß gewesen und hätte sehr große Zähne gehabt."

Der große Tote mit den großen Zähnen wird später auch von anderen Inuit erwähnt. Für seine Anwesenheit an Bord gibt es für die meisten Autoren nur eine Erklärung: Das Schiff wurde wieder bemannt. Nach den Fußspuren schätzten einige Informanten, es seien höchstens vier Mann an Bord gewesen. (Gesehen hatte sie niemand.)

WILDE SZENARIEN

Die Schiffbrüchigen erreichen erst im Juli den Südwesten von King Williams Island. Es geht nicht weiter. Auf dem Land ist der Schnee weg, das Meereis beginnt aufzubrechen. Der Proviant geht zur Neige, die Jagd ist wenig ergiebig. Letzte Hoffnung: Die Schiffe. Die Kräftigsten machen sich entlang der Küste auf die Suche. Und finden sie. Und dann?

a) Die Schiffe werden vom Eis bedroht. Trotzdem versuchen sie, möglichst viel Proviant an Land zu schaffen. Ein Schiff versinkt, das andere treibt mit wenigen Männern davon. Viele Konserven haben sie nicht bergen können...

b) Sie gehen alle an Bord, aber die Schiffe kommen nicht weiter, sie überwintern an Bord, und als das Eis im nächsten Jahr aufbricht, geraten die Schiffe in Gefahr, sie müssen in Eile verlassen werden, einige schaffen es nicht und werden mit einem Schiff abgetrieben. Das andere versinkt. Wieder ist versäumt worden, genügend Proviant an Land zu deponieren...

Diese Szenarien sind erforderlich, weil der Tote an Bord und die Spuren im Schnee erklärt werden müssen. Das geht aber auch so:

c) Anfang März 1848 verlassen zwei Offiziere und sechs Mann die Schiffe, mit Proviant für 14 Tage. Am 25. April, als die Schiffe verlassen werden, sind sie noch nicht zurückgekehrt und Crozier zählt sie in der Nachricht zu den Toten. Der Trupp aber hat Glück und Geschick bei der Jagd, kommt zurück, und begibt sich auf eines der Schiffe. Sie sind zu erschöpft um den anderen zu Fuß zu folgen...

d) Der große Mann mit den großen Zähnen und die Spuren im Schnee sind märchenhafte Zutaten erzählfreudiger Inuit.

VIELE BÜCHER

Petersen fand dann doch noch Augenzeugen:

"Über die Schiffe wussten Sie, dass eins gesunken war, das andere jedoch aufs Land geworfen worden war. Zwei alte Frauen und ein Heranwachsender waren am Schiff; sie sagten, dass es immer noch dort läge, jedoch ohne Masten. Ich zeigte diesen Leuten ein Buch und fragte sie, ob so etwas nicht beim Schiff gefunden worden sei. Sie antworteten, dass am Anfang viel davon da gewesen sei, aber jetzt nicht mehr. Dann fragte ich, wie weit von dieser Stelle das Schiff läge, und sie antworteten, dass wir von hier fünf Tage westlich über das König Williams Land gehen müssten. Auch diese Eskimos hatten die weißen Männer nicht gesehen, sondern erst später ihre Leichen gefunden."

Aus den Ortsangaben schloss McClintock, das Schiff sei im Südwesten von King Williams Island gestrandet. Er irrte wahrscheinlich.

HOFFNUNG AUF ÜBERLEBENDE

Der Amerikaner Charles Francis Hall glaubte fest daran, einige der Verschollenen könnten mit Hilfe der Inuit überlebt haben. Überdies hielt sich Hall durch höhere Fügung dazu berufen, sie auch zu finden. Mit den Inuit Tookoolitoo und Ebierbing ließ er sich an der Küste der Hudson Bay von Walfängern an Land setzen und erreichte 1866 Repulse Bay. Sein eigentliches Ziel war King Williams Island, aber durch widrige Umstände dauerte es drei Jahre lang, bis er wenigstens die Südküste erreichen konnte. Während dieser Zeit fragte er die Hudson-Bay-Inuit ständig darüber aus, was sie über die Kablunas (Fremden) wüssten. Sie erzählten ihm schließlich alles, was sie in ihrer Erinnerung bewahrten, von Parry, der 1821-23 bei ihnen mit der Fury und Hecla überwintert hatte, und von Ross mit der Victory, der 1829-30 ständig von Inuit besucht wurde. Sie erinnerten sich an James Clarc Ross, der mit ihrer Hilfe bis King Williams Island gekommen war, an Dr. Rae und McClintock, die schon 1854 und 1859 nach den Kablunas gefragt hatten. Gerieten einige Inuit durch Halls Dauerbefragung ins Fabulieren? Haben sich die Geschichten von den Kablunas vermischt? Die meisten Autoren nehmen das an, David C. Woodman (s.o.) nicht. Hall kamen folgende Varianten zu Ohren:

a) Inuit haben die Kablunas auf den Schiffen besucht.

b) Inuit haben über längere Zeit mit den Kablunas gejagt.

c) Vier Kablunas haben bei den Inuit überwintert.

d) In einem Schiff fanden Inuit mehrere tote Kablunas.

Daneben hörte Hall auch die Standardversionen, die sich bei praktisch allen Inuit herumgesprochen hatten:

a) Trupp geschwächter Kablunas mit Schlitten und Boot gesehen.

b) Zeltlager und Boote mit Toten gefunden.

c) Ein Schiff gesunken, ein Schiff mit einem Toten gefunden.

RÄTSELVERMEHRUNG

Die Standardversionen hatten auch Dr. Rae. und McClintock (Petersen) gehört - und mehr nicht. Warum hätten nun die Inuit ihnen so etwas "aufregendes" wie den Besuch auf den Schiffen, die gemeinsame Jagd, die vielen Toten und die Überwinterung verschweigen sollen? Das wäre zu erörtern, wenn man wie Woodman diese Geschichten für wahr hält. Er erörtert es nicht. Andere offensichtliche Widersprüche löst er durchaus listig und lesenswert. Sein Anspruch, das Geheimnis um Franklin entschleiert zu haben, ist aber auch mit seiner Interpretation der Inuiterzählungen nicht eingelöst. Wenn alle von Hall notierten Berichte im Kern stimmen - das ist Woodmans These - werden zu den ungelösten Fragen nur neue hinzugefügt.

Hall konnte nur bis zur Südküste von King Williams Island vordringen, wo er drei Tote fand. Eine gründliche Untersuchung erfolgte erst Ende der 70iger Jahre.

REISEN WIE DIE ESKIMOS

Die Amerikaner Frederick Schwatka, William H. Glider, Franck F. Melms und der Prager Heinrich W. Klutschak machten sich 1879 von der Hudson Bay aus mit mehreren Inuit auf den Weg nach King Williams Island. Klutschak hat in seinem Buch "ALS ESKIMO UNTER ESKIMOS", Leipzig 1881, die "Erlebnisse der Schwatka'schen Franklin-Aufsuchungs-Expedition" geschildert. Klutschak ist ein kluger, vorsichtiger Beobachter, die Lektüre ist dringend empfohlen, das Buch dürfte in jeder Unibibliothek ausleihbar sein. Am Ende der Reise notiert er bescheiden eine Rekordleistung:

"Während der elf Monate und vier Tage, die wir von der Hudsons-Bai abwesend waren, hatten wir eine Distanz von 2820 Meilen (705 deutsche Meilen = 5287.5 Kilometer) zurückgelegt, unsere Aufgabe mit Rücksicht auf Zeit und Umstände in erschöpfender Weise gelöst, uns und unsere Hunde nur durch die Jagd aus dem Thierreichthum der durchkreuzten, nur als wüste Schneeöden berüchtigten Landstrecken erhalten, ohne Menschenverlust, ja ohne Krankheit die Gefahren der weiten Reise überstanden, den Unbilden eines strengen arktischen Winters im Freien getrotzt."

Für diejenigen, denen Klutschaks Buch nicht zugänglich ist, hier eine Kostprobe über den abendlichen Alltag des Reisens nach Art der Inuit:

"Nun kommt das letzte Tagewerk, das Ausziehen. Nach dem pedantischen Abklopfen der Kleider, das am Leibe vorgenommen wird, entledigt man sich der äußeren Pelzhülle und legt sie so an den aus Rennthierfellen genähten Schlafsack, dass dieser nicht mit der Schneewand in Berührung kommt. Zunächst kommen die Pelzschuhe, dann die Pelzstrümpfe an die Reihe. Erstere werden so gelegt, dass sie nicht aufthauen, letztere so, dass sie nicht gefrieren, und kommen unter die erste Pelzdecke am Kopfende zu liegen. Eine weitere Erklärung ist nicht nöthig, denn wenn die letzte künstliche Hülle, das Pelzhemd, gefallen ist, so ist man schon im Sacke und hat sein Hab und Gut in der Reihenfolge, wie man es wieder anziehen wird, als Kopfkissen. Ein solcher Sack ist ohne Zweifel das beste und einzige warme Bett in diesen Regionen, das erste Gefühl darin ist jedoch (da man ganz adamitisch darin steckt und der Schlafsack den ganzen Tag oben am Schlitten lag) ein nicht sehr angenehmes... Die Körperwärme und der warme Athem besorgen dann das Erwärmen schon in wenigen Minuten. Man steckt den Kopf wieder heraus, zündet sich sein Pfeifchen an und freut sich, im Schlafsacke und Pfeifchen noch immer eine Bequemlichkeit und Annehmlichkeit zu finden. Die wie Häringe in einer Tonne mit den Köpfen nach einer Seite aneinander gereihten Individuen nehmen sich eigentlich auch sehr gemüthlich aus und ist ihre Zahl vollständig, d. h. sind ihrer so viele, dass, wenn sich eines umdreht, dies die ganze Reihe gleichfalls thun muß, so versperrt die Hausfrau das Thor mit einem Schneeblock, löscht das Licht aus, und jedes weitere Gespräch wird abgebrochen."

STUMME ZEUGEN VERSCHWUNDEN

Wir konnten mit Duncans Twin Otter die wichtigsten Fundstellen auf King Williams Island aufsuchen, die McClintock noch unberührt vorfand. Es war nichts, aber auch gar nichts mehr da. McClintock nahm mit, was für Europäer von Wert war, die Inuit alles, was ihnen nützlich war, und der Rest, wie Duncan laut schimpfend immer wieder feststellt, ist von den Souvenierjägern der Armee abgeräumt worden. Wir haben natürlich dennoch gesucht, ich neben Duncan durchs Geröll der vom Eis flachgehobelten Westküste stolpernd. Gedankenschwer. Wortkarger Austausch derselben. Warum haben sie das Jahr 1847 nicht genutzt, den Weg nach Süden, die Passage nicht erkundet. Warum haben sie nicht vorsorglich Depots entlang der Küste angelegt, für den Fall, die Schiffe verlassen zu müssen? Meuterei, Streit, Fraktionen, Führungskrise, Hochmut, Lethargie? War "all well" nur eine Floskel? Duncan schüttelt immer wieder den Kopf, er denkt schon zwei Jahrzehnte darüber nach.

Klutschak war noch rechtzeitig da, hat sorgfältig beobachtet und den Inuit gut zugehört. Sein Bericht kann die Fragen nach den Ursachen des Debakels nicht beantworten, aber er lässt wenigstens den Verlauf erahnen.

INUITKRIEGE

Am 9. Mai 1879 "entdecken" die Franklin-Sucher einen kleinen Fluß, auf dessen Eis sie nun leichter nach Nordwesten vordringen können. Er heißt von nun an Hayes River und mündet mit dem Back's River in den Chantrey Inlet. Sie sind nur noch wenige Tagesreisen von der nordamerikanischen Küste und King Williams Island entfernt. Am 15. Mai stellen sie fest, dass die Ufer des Hayes River bewohnt sind. Klutschak erkundigt sich nicht nur nach Franklin:

"Unser erstes Augenmerk galt den Leuten selbst, und es zeigte sich, dass diese Ukusiksillik-Eskimos die Ueberreste eines einst großen Stammes sind, der noch vor nicht zu langer Zeit an der westlichen Küste der Adelaide-Halbinsel seine eigentliche Heimat hatte. Durch lang geführte Bekämpfung von Seite der jetzt dort ansässigen Ugzulik- und Netchillik-Stämme wurde die Zahl der Ukusiksilliks sehr geschwächt, und sie sahen sich gezwungen, ihre alten Jagdgründe zu verlassen, um in diesem stillen Winkel ihr Leben zu fristen. Der ganze Stamm besteht nur noch aus sechzehn Familien."

Auch die Unterlegenen hatten vom plötzlichen Reichtum profitieren können, der über die Region gekommen war. Die Gastgeber besaßen Relikte von hohem Nutzwert.

DER FRANKLIN-SEGEN

"In ihnen begegnen wir den ersten Ueberresten von Gegenständen, die einst entweder Theile der beiden Schiffe Erebus und Terror waren oder sonstig der Franklin'schen Expedition angehörten. Die Pfeilspitzen, die Speere, die Schneeschaufeln, kurz Alles, was Holz, Kupfer oder Eisen ist, stammt vom Schauplatze der Franklin'schen Katastrophe und ist entweder durch zweite Hand, das ist durch andere Stämme, in die Hände dieser Leute gelangt oder von ihnen selbst gefunden worden."

EIN SCHIFF KAM BIS ZUR KÜSTE

"Mit dem Momente, wo wir das erste Mal auf von Franklin und seinen Leuten stammende Reliquien stießen, war es auch unsere Pflicht geworden, die Leute nach ihrem diesbezüglichen Wissen und den ihnen traditionell zugekommenen Nachrichten zu befragen. Nur eine Person, ein 60-70jähriger Greis namens Ikinilik petulak, hatte selbst Gelegenheit gehabt, mit einem der Schiffe der Expedition in Berührung zu kommen. Er war einer der ersten Besucher des Schiffes, das westlich von Grant-Point an Adelaide Peninsula, mit einem dasselbe umschließenden Eisfelde, durch Inseln am Weitergehen mit Wind und Strömung gehindert worden war. Beim ersten Besuche glaubten die Leute, Weiße an Bord gesehen zu haben, deren Zahl, nach den Fußspuren im Schnee, auf vier Personen schließen ließ."

FLEISCH IN KANNEN

"Dies war im Herbste, im Frühjahre darauf besuchten sie den Ort wieder, fanden das Schiff an demselben Orte, und als keine Zeichen von Weißen oder sonstigem Leben sichtbar waren und sie nicht wußten, wie in das Innere desselben zu gelangen, machten sie ein großes Loch in die Schiffsseite nahe der Eisfläche, welches das Sinken des Schiffes nach dem Schmelzen des Eises zur Folge hatte. Ikiniliks Aussagen nach war in einer der Schlafkojen die Leiche einer Person gefunden worden, und in der Kajüte soll sich Fleisch in Kannen gefunden haben. An der Küste der Adelaide-Halbinsel hatte sich sonst keine Spur von Weißen gefunden, ausgenommen ein kleines Boot in Welmot-Bai, das aber nach dem Untergange des Schiffes zu diesem Punkt getrieben worden sein konnte."

WARUM GESTRANDET?

Ein Schiff hätte demnach auf der Westseite der Adelaide Peninsula die Nordküste des Kontinents erreicht. Der Wasserweg bis Alaska und die Bering Strait war kartiert. Spätestens auf 68 Grad Nord hätte die Besatzung im Queen Maud Gulf auf Westkurs gehen müssen - mit Hilfe der Dampfmaschine oder wenigstens einiger Segel, die auch von vier Männern hätten gesetzt werden können. Auch Hall hatte gehört, an Bord hätten sich noch Fleischkonserven befunden. Der Westkurs war eine sinnvolle Option. Es fehlte also entweder an Kraft, an Lebenswillen oder die Besatzung setzte auf die Jagd an Land.

KREUZVERHÖR

In der Nähe der Simpson Strait richten die Franklin-Sucher ihr Lager neben einer Inuit-Siedlung ein.

"Die Eingeborenen des Netchillik-Stammes bewohnen heute die ganze Küste der Adelaide-Halbinsel; doch war dies keineswegs zur Zeit Franklin's der Fall. Ihre alten Jagdgründe liegen an Boothia's Landenge (östlich von König Wilhelms-Land), und nur hie und da unternahm die eine oder andere Familie, dem Nomadentriebe folgend, eine Wanderung nach den gegenwärtig bewohnten Punkten und König Wilhelms-Land. Das letztere ist auch jetzt von ihnen nur im Herbste besucht, und dann nur auf dem südöstlichen Theile. Die nordwestliche Küste der Insel ist ihnen erst durch den Verlust von Franklin's Mannschaften bekannt geworden und ihre Aufmerksamkeit wurde durch Mc. Clintock's Besuch auf diesen Theil der Insel gelenkt... Wir begannen schon am folgenden Tage in einem Concil jene Individuen, deren Aussage durch frühere Forscher bekannt gemacht worden, zu citieren, um deren Wahrheitstreue durch Kreuzfragen zu prüfen. Eine jede Person, die wie immer in irgendwelche Berührung mit Franklins's Leuten oder deren Habseligkeiten gekommen war, wurde zwei- bis dreimal über ein und dieselbe Sache verhört. Die Zeugen wurden getrennt vernommen und Alles angewendet, um jedem allenfallsigen Humbug vorzubeugen und die reine Wahrheit zu erhalten... Von verschiedenen Personen erhielten wir Aussagen, deren bemerkenswertheste ich hier aus meinem Tagebuche copire, wie diese am Platze von den verschiedenen Zeugen gegeben wurden:

Sioteitschung (ohrenlos, so genannt, weil er schwerhörig ist) ist ein Mann von 50-55 Jahren und hat vor Jahren etwas westlich von Richardson-Landspitze ein Boot gesehen und neben diesem Skelette gefunden. An Einzelheiten kann er sich nicht erinnern, doch lebt eine alte Frau in der Ansiedlung, die einst die Finderin des Ortes war, und ein besseres Gedächtniß hat. Er erbietet sich, die Partie nach dem Punkte zu bringen, wo das Boot gefunden wurde, und zeigte uns die Stelle, die wir später als Starvation Cove (Hunger-Bucht) werden kennen lernen.

Tuktutchiak, eine Greisin aus dem Stamme der Pelly-Bai-Eskimos, jedoch schon lange unter den Netchilliks lebend, erzählt: `Ich habe Franklin-Leute nie lebend gesehen, doch fand ich ganz nahe am Strande einer kleinen Einbuchtung Skelette und eine Leiche. Ich war damals in Begleitung meines Gatten, meines hier anwesenden Adoptiv-Sohnes Ilro und sieben anderer Eskimos. Das gefundene Boot lag auf dem Kiele (?) und in diesem befanden sich einige Skelette, deren Zahl ich nicht angeben kann.' (Stellen, mit einem Fragezeichen versehen, sind Aussagen, die verschiedenartig gegeben wurden und zweideutig sind. In diesem Fall behaupten einige Zeugen, das Boot wäre mit dem Kiele nach aufwärts gefunden worden.) `Außerhalb des Bootes sah ich vier Schädel und andere menschlich Gebeine. Nur eine Leiche war noch mit Haut und Haaren (blond) versehen. Die letztgenannte Person konnte erst den Winter oder das Frühjahr vorher gestorben sein und war gut erhalten, obzwar Wölfe und Füchse daran genagt zu haben schienen. Ich weiß mich genau zu erinnern, dass dieser Mann Augengläser und Blendgläser neben sich liegen hatte, einen Ring am Finger trug, Ohrringe und eine Uhr mittelst einer Kette an diese (?) (die Ohrringe) befestigt hatte. (Diesen Irrthum wollte die Zeugin und ihr Sohn Ilro nicht einsehen und behauptete ihre Aussagen fest gegen alle Einwendungen.) Im Boote selbst befanden sich einige der verschiedensten Gegenstände, als: Uhren, Augen - und Blendgläser, eine kleine Säge, Thonpfeifen, Holz, Blech, Segeltuch und Kleider, ein Stück Eisen mit einem Loch darin, das bei Annäherung von sirvik (Eisen) sich bewegte (offenbar eine Compaßnadel), ferner ein Blechgefäß (bei einem Fuß breit und zwei Fuß lang) mit Büchern und Schriften, eine andere Büchse mit menschlichen Knochen (?) und ein Zinngefäß mit Tabak. Von den Gegenständen haben wir viele mitgenommen und unseren Kindern zum Spielen gegeben, und die Gebeine, glaube ich, sind mit der Zeit von Sand und Seegras bedeckt worden. Mit Weißen habe ich schon früher in den alten Netchillik-Landen verkehrt.`

Die nächste wichtige Zeugin ist Ulanak aus dem Stamme der Netchillik's, circa 55 Jahre alt, und sagt aus: `In Gemeinschaft meines seither gestorbenen Mannes und zweier anderer Familien waren wir des Seehundsfanges halber in König-Wilhelms-Land (in der Umgebung von Washington-Bai, nahe Cap Herschel) und trafen, südöstlich gehend, eine Partie Weißer, die, etwa zehn an der Zahl, auf einem Schlitten ein Boot zogen. Wir hatten zuerst Angst, doch als einige von den Weißen auf uns zukamen, ließen wir uns mit ihnen in ein pantomimisches Gespräch ein. Sie sahen alle mager, ausgehungert und schlecht aus, waren schwarz um Augen und Mund und hatten keine Pelzkleider an. Wir campirten zusammen vier Tage lang und theilten einen Seehund mit den Weißen wofür ich ein Hackmesser als Bezahlung erhielt. So viel ich mich zu erinnern weiß, führten die Weißen nichts zu essen mit sich, und während unseres Beisammenseins schliefen sie theils im Boote, theils in einem kleinen Zelte. Während der Zeit war ich öfter bei den Weißen. Der Mann, von dem ich das Messer erhielt, wurde von den Anderen Tuluak genannt, war groß und stark gebaut und hatte einen schwarzen, mit grau gemischten Bart. Aglukan (auch ein dem Betreffenden von den Eskimos gegebener Name) war kleiner als der Beschriebene mit rothbraunem Bart, und Doktuk (jedenfalls ein Doctor), ein dicker Mann, trug, wie die beiden Anderen, Augen-, aber keine Blendgläser (die Augengläser bezeichnen die Eskimos bestimmt dadurch, dass sie das Glas derselben mit Eis vergleichen). Wir wären länger bei den Weißen geblieben, doch fing das Eis vom Simpson Straits an zu schmelzen und unsicher zu werden. Nachdem wir uns getrennt und den Uebergang erfolglos versucht, gingen wir an die Küste von König-Wilhelms-Land zurück und blieben den ganzen Sommer daselbst in der Umgebung von Gladmann-Landspitze, ohne jedoch die Weißen wieder zu Gesichte zu bekommen. Das kommende Frühjahr fand uns in der Umgebung von Terror Bai (alle diese Punkte sind durch die Vorlage einer großen Karte von den betreffenden Individuen bestimmt worden), und dort auf einem kleinen Hügel mit äußerst wenig Schnee am Boden fand ich ein Zelt mit außerhalb liegenden Skeletten. Etwa zwei waren mit Sand und kleinen Steinen zugedeckt. Im Zelte lagen auch Skelette mit Kleidern und Decken bedeckt, und verschiedene Gegenstände als: Löffel, Messer, Uhren und Papiere umher.`"

ZU WENIG PROVIANT

Spätestens im Südwesten von King Williams Island ist den Schlittentrupps der Proviant ausgegangen. Da an Bord des gestrandeten Schiffs noch Konserven gefunden wurden (nach Halls Informanten auch genießbar), kann der Mangel nur eingetreten sein, weil sie auf den Schlitten nicht genug Proviant mitführen konnten. Ross hatte in der vergleichbaren Situation zuvor auf der geplanten Route Depots anlegen lassen. Den Offizieren der Erebus und Terror war das Buch von Ross bekannt, es befand sich mit Sicherheit in der Bordbibliothek. Wenn das "all well" stimmt, hatten die Mannschaften der beiden Schiffe 1847 Zeit und Kraft, entlang der Küste Depots einzurichten. Dieses Versäumnis ist wohl die Hauptursache des Debakels.

DOCH NOCH STUMME ZEUGEN

James Clarc Ross hatte den südlichsten Punkt, den er an der Nordwestküste von King Williams Island erreichen konnte, ungewollt makaber "Franklin Point" getauft. Klutschak:

"An der Franklin-Landspitze fanden wir in einem Steinhaufen, der einem über dem Boden gemachten Grabe ähnlich sah, einen Schädel, den Lieutenant Schwatka sofort als den eines Weißen erklärte. Derselbe wurde nach einer genauen Durchsuchung des Grabes wieder bestattet und die Stelle durch ein kleines Monument markiert. Ein anderes Mal, am 27., gingen ich und Franz Melms der Küste entlang auf die Victory-Landspitze zu... Ich sah einen Steinhaufen und neben diesem einen menschlichen Schädel. Es war ein Grab aus flachen Thonsteinen, einer Gruft ähnlich, aber oberhalb des Bodens gebaut, war seinerzeit überdeckt und augenscheinlich schon Gegenstand einer Durchsuchung gewesen. Der Schädel (unstreitig der eines Weißen), sowie andere menschliche Gebeine lagen außerhalb, und im Grabe wucherte üppiges Moos auf blauen Tuchüberresten, die, den Knöpfen und der feinen Textur nach zu urtheilen, einst einer englischen Officiers-Uniform angehört haben. Ein seidenes Taschentuch in merkwürdig gut erhaltenem Zustande lag am Kopfende und oberhalb desselben auf einem Steine offen und frei eine zwei 1/2 bis zwei 3/4 Zoll im Durchmesser messende silberne Medaille... Das solide Silberstück enthält auf der einen Seite das Reliefbild des englischen Königs mit der Umschrift: `Georgius IIII. D.G.Britan. Rex 1820'; auf der anderen einen Lorbeerkranz, außerhalb desselben die Rundschrift: `Second Mathematical Price, Royal Naval College' und innerhalb: `Awarded to John Irving, Midsummer 1830' eingraviert. Die Münze war dem Gestorbenen (Lieutenant des Schiffes Terror) etwa 30 Jahre früher mit in's Grab gegeben worden, hat sogar in der langen Zeit auf dem Steine einen Eindruck hinterlassen und diente schließlich als Beweis der Identität des Begrabenen."

Irvings Grab wurde in der Nähe der Landungsstelle gefunden. Das Sterben hatte also früh begonnen. Klutschak beschreibt die Landungsstelle:

"Keine hundert Schritte von der Meeresküste waren die Ueberreste eines zusammmengeworfenen, künstlichen Steinhaufens, ein Haufen alter Kleider und eine große Zahl von Gegenständen, die offenbar zur Ausrüstung einer arktischen Expedition gehörten. Unter Anderem vier Kochöfen mit Kesseln und sonstigem Zubehör. Auf eine kurze Strecke der Küste entlang lagen Theile von Kleidungsstücken, aus wollenen Decken genähte Strümpfe und Fäustlinge, Rasirmesser etc. etc... Ein einfaches Notizbuch wäre ein Fund gewesen, dessen Tragweite auf dem Gebiete der Forschung zu großen Errungenschaften hätte führen können. Doch es war zu spät, 31 lange Winter sind über diese Stelle gezogen, seitdem Franklin's Leute im April 1848 drei Tage lang hier campierten."

TRAURIGER MARSCH

"So führten wir ein Nomadenleben in des Wortes vollster Bedeutung und verfolgten von Irving-Bai an die Spuren des Rückzuges der Leute der Franklin'schen Expedition. Doch wie bald sahen wir deren Zahl geringer werden. An der nach Le Visconte (einem der Officiere der Expedition) genannten Landspitze fand sich wieder ein Grab, daneben, ganz wie bei der Ruhestätte des Lieutenant Irving, die seither durch Eingeborene berührten Gebeine. Die Erbauer der letzten Ruhestätte waren aber nicht mehr die starken Leute, die aus den großen Steinen eine oberirdische Gruft bauen konnten. Einige Steine, das war Alles, womit sie die Leiche umgeben hatten, und nichts deutete auf die Möglichkeit hin, den Namen des Beerdigten zu erfahren. Den Weg, den die Unglücklichen auf ihrem traurigen Marsche genommen hatten, deuteten sicher und untrüglich eine Menge blauer Tuchflecken, Knöpfe und andere Kleinigkeiten an, und hier und da bezeichneten in einem großen Vierecke gelegte Steine das einstmalige Vorhandenseins eines Zeltes."

ZWEI BOOTE

"21. Juli, Erebus Bay. Gegen 10 Uhr Nachts bemerkte Melms am Strande ganz nahe der Meeresküste drei menschliche Schädel, als wir näher traten, bot sich uns ein trauriger Anblick dar. Wir lasen nicht weniger als 76 Menschenknochen auf, die bei oberflächlicher Untersuchung auf wenigstens vier Personen schließen ließen, welche hier ihr Leben geendet hatten. Diese Ueberreste wurden sogleich unter einem kleinen Steindenkmal beerdigt und ein Document über den Fund beigelegt. Auf einem Flächenraume von beinahe einer Achtel-Quadratmeile lagen die Trümmer eines großen Bootes, und unter ihnen die mannigfaltigsten Gegenstände, von denen mir am meisten einige Sacktücher auffielen, in welche Kugeln und Schrot, sowie auch Percussions-Zündhütchen eingebunden waren. Ohne Zweifel war dies derselbe Ort, wo Capitän Mc. Clintock 1859 das Boot mit den zwei Skeleten gefunden hatte und von dessen Anwesenheit die Eskimos erst durch ihn Kunde erhielten. Noch denselben Sommer begaben sie sich hierher, wobei sie eine Viertelmeile weiter landeinwärts ein zweites, ebenfalls auf Schlitten geladenes Boot fanden."

KRANK ODER?

"Von welcher Seite immer betrachtet, ist der Ort, an dem unsere Partie eben weilt, charakteristisch für die Geschichte der unglücklichen Franklin'schen Expedition, ebenso der Weg, den sie zu ihrer Rettung eingeschlagen hat. Jedenfalls müssen die hier umgekommenen Leute krank oder auf eine andere Weise marschunfähig gewesen sein. Die Anwesenheit der so einzeln herumliegenden Skelete scheint auch darauf hinzudeuten, dass die Disciplin in dem damaligen Commando der Partie bereits gelockert war."

VERWISCHTE SPUREN

Wegen der vorgerückten Jahreszeit trennten sich die Franklin-Sucher. Lieutenant Schwatka und Gilder untersuchten die westlichen Teile von King Willams Island. Klutschak faßt zusammen:
"Die Begehung wurde pedantisch durchgeführt, doch was den Erfolg anbelangt, so ist er in wenigen Worten wiedergegeben. Von dem ehemaligen Standpunkte des Zeltes war nicht nur nichts zu finden, sondern eine nochmalige Nachfrage bei der einstigen Finderin darüber ergab, dass schon vor etwa sechs Jahren (sechs Sommer nach ihrer Ausdrucksweise), um welche Zeit die Frau den Platz zum letztenmale besucht hatte, jede Spur verwischt war. Die Begehung von Cap Crozier wurde auch durchgeführt, doch außer dem Schädel eines Weißen für den Erfolg der Forschung nichts Bemerkenswerthes gefunden."

RÄTSELHAFTE UNTÄTIGKEIT

Klutschak schildert die Jagdmethoden der Inuit im wildreichen Süden und räsoniert:

"Gegenden, die solche Jagdarten zulassen, müssen gewiß wildreich gewesen sein; um so unbegreiflicher ist es für Jemanden, der mit den Landesverhältnissen bekannt ist, wie Franklin's Leute so hilflos zusammenbrechen konnten. Man könnte wohl die Einwendung machen, dass diese die verschiedenen Gegenden gerade zu einer Zeit besuchten, um welche solche, wie schon oben angedeutet, sehr wildarm sind; doch sollte man glauben, dass über hundert Personen, die zwanzig Monate beinahe unthätig zubrachten, sich während dieser Zeit nicht immer auf den Schiffen befanden, sondern wenigstens im Sommer Jagd und Recognoscirungs-Excursionen unternahmen, wodurch sie die Eigenthümlichkeiten des Landes hätten kennen lernen müssen, um sich bei ihrem Rückzug darnach einzurichten."

DIE LETZTEN IM STARVATION COVE?

"Die Anwesenheit unserer Eingeborenen in Gemeinschaft mit den Netchilliks hatte aber auch noch den Zweck, die Küste der Adelaide-Halbinsel einer Forschung zu unterziehen. Eskimo Joe, der in dieser Beziehung seine volle Schuldigkeit gethan hat, war schon während der ersten Monate seines Aufenthaltes an der Hungerbucht gewesen und hatte im Sande und im Seegrase in der nächsten Nähe der Hochflut-Grenze nicht nur Gebeine gefunden, sondern auch Kleidungsstücke herausgegraben, welche letztere wahrscheinlich Officieren gehört hatten. Schuhe, Stiefel, Uniformbestandtheile, Knöpfe etc., das Alles lag noch hier und in der Nähe fand sich auch eine kleine silberne Gedenkmünze... Außerdem fanden die Eskimos erst im vergangenen Sommer, 5 Meilen von der Hungerbucht entfernt, die Ueberreste eines Kaukasiers, und dieser Fund allein ist es, der als Beweis dienen muß, dass das in der oft genannten Bucht gefundene Boot durch den Willen und die Kraft seiner Insassen und nicht durch Willkür des Windes und der Strömung dort an den Strand getrieben wurde."

"Kaukasier" war damals ein Synonym für "Weißer".

KLUTSCHAKS KRITIK

"Der Franklin'schen Forschung ist viel Geld gewidmet worden, es haben verschiedene Personen große Energie, Ausdauer und Leistungsfähigkeit entwickelt, doch hat der ganzen Forschung der ersten 20 Jahre nach der Katastrophe selbst die ruhige, überlegende Denkkraft gefehlt, und dieser Mangel an Ueberlegung hat sich schwer gestraft. Die Forscher, die vor 20 und auch noch vor 10 Jahren gerade am Schauplatze des Unterganges einer so großen Menschenzahl waren, haben sich mit leichten Errungenschaften zu rasch befriedigt gestellt, anstatt die gefundenen Spuren bis auf's äußerste zu verfolgen. Eine halbwegs genaue Forschung hätte damals gewiß Bedeutendes geleistet, ja vielleicht den ganzen Thatbestand aufgeklärt. Für uns natürlich hat die Zeit von 32 Jahren ihre Einflüsse schon zu sehr zur Geltung gebracht."

In meinen Worten: Britische Seeoffiziere waren eben nicht sonderlich für die Erforschung von Tatbeständen geeignet, die das Verhalten ihrer Kameraden in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen konnte. Nach dem Bericht von McClintock versah die Nation die Franklin-Expedition mit dem Etikett: Tragisches Scheitern an der Schwelle des Erfolgs. Jede weitere Nachforschung hätte diese patriotische Auslegung gefährdet.

DIE ERSTEN

Victoria Point, King Williams Island, Sommer 1991. Duncan grummelt vor sich hin. Hartmut packt die Kamera ein. Ich starre über das Geröll auf das endlose Eis der Victoria Strait. Wie sie ihn gehaßt haben müssen, diesen Anblick, die "Abenteurer", als sie sich zu ihrem Hungermarsch formierten. Bin ich zu bitter? Duncan beendet mein Grübeln, indem er die Maschinen anläßt. Wir fliegen nach Südosten. Duncan zeigt mir Cape Herschel. Ich ahne den Grund. Als sie hier ankamen, erreichten sie kartiertes Gelände. Damit hatten sie gefunden, was sie am wenigsten brauchten: eine Nordwestpassage. Aber sie waren die ersten. Wir können wieder einmal nicht landen, weil die Sicht nach Null tendiert. Landung in Gjoa Haven. Übernachtung im Amundsen-Hotel. Am Morgen Besichtung einer Tafel mitten im Inuitdorf. Sie meldet die zweimalige Überwinterung von Roald Amundsen und zeigt an, wo die Gjöa (47 Tonnen) hier eingefroren war. Im Museum hängen Tafeln mit Fotos und Zeichnungen. Amundsen kam 1903 durch den Lancaster und Peel Sound. Er erwischte, wie er selbst sagt, ein Jahr mit sehr günstigen Eisbedingungen. Was Ross nicht erkundet hatte und Franklin daher nicht wusste, war ihm bekannt. Er mied die Eismassen der Victoria Strait, ließ Cape Felix rechts liegen und erreichte den Südosten von King Williams Island durch die James Ross Strait und das St. Roch Basin. Im ersten Jahr blieb er freiwillig im "besten kleinen Hafen der Welt", im zweiten Jahr kam er nicht weg, im dritten schaffte er die Passage als erster mit einem Schiff. Im Speiseraum des Hotels warten wir dann auf besseres Wetter, trinken Unmengen von Kaffee. Alkohol ist in Gjoa Haven wie in den meisten Inuitsiedlungen nicht erhältlich (BeschluSS der Selbstverwaltung). Im Dorf hat sich herumgesprochen, dass wir an der Franklin-Geschichte interessiert sind. Ab und zu schauen ältere Männer herein, um uns zu besichtigen. Gespräche. Die Erinnerung ist lebendig, aber natürlich reichlich anekdotisch. Sie lächeln immer noch, als wollten sie zu verstehen geben, ihre Vorfahren hätten den Kablunas nicht alles oder Märchen erzählt. Auch über die aktuelle Politik wird gesprochen. Die kanadische Regierung ist dabei, den Inuit große Teile ihrer Gebiete zurückzugeben, die einst von Parry, Ross und Co. zwangsenteignet wurden. Kein Erz, kein Öl, also wertlos für Kablunas. Irgendwie sperrt sich die Gegend den abendländischen Begierden. Kein Gold und keine Gewürze. Nach Cathay kommt man (1994) kommod nur mit dem Eisbrecher. Die Gesellschaft der Abenteurer residiert hundert Meter vom Hotel entfernt: die Filiale einer Ladenkette namens Hudson Bay Company.

2015: Die Nordwestpassage wird in Folge der Erderwärmung (Klimawandel) für normale Schiffe passierbar. Das fördert dem Transport meist überflüssiger Waren, sprich den globalen Wahnsinn. Die Schiffe werden ihre Dreckspur durch die Arktis ziehen, der Schmutz kann im kalten Wasser nicht schnell genug abgebaut werden.

DIE ALTE REGEL

Zuerst kommen die Forscher, dann die Kartographen, dann die Missionare, dann das Militär, dann die Händler