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Eigenlob mit Irrtümern

Einzige Bemerkung über den beruflichen Werdegang des Admirals im DIARIO:

21. Dezember ... Ich fuhr dreiundzwanzig Jahre auf dem Meer, ohne es für eine nennenswerte Zeit zu verlassen und sah den Osten und Westen, wie man sagt, um den Weg nach Norden zu gehen, das ist England und ich bereiste Gujnea.

Als was gefahren? Als Matrose, Pilot, Kapitän, Eigner, zahlender Passagier? Kolumbus zieht es generell vor, über seinen beruflichen Werdegang keine Aussagen zu machen. Sohn Fernando und Las Casas (HISTORIA) geben ein Schreiben wieder, das Kolumbus im Jahr 1501 an die Krone gesandt haben soll:

Sehr große Könige, von sehr kleinem Alter an begann ich das Meer zu befahren und habe es fortgesetzt bis heute. Diese Kunst bewegt den, der sie verfolgt, danach zu verlangen, die Geheimnisse dieser Welt zu wissen. Es sind XL Jahre vergangen, seit ich dieser Beschäftigung nachgehe.

Von den Experten mehrheitlich geschätztes Geburtsjahr: 1451. Demnach wäre Kolumbus um die 10 Jahre alt gewesen, als er sich der christlichen Seefahrt verschrieb.
Fernando Colón indessen:

Er sagt, er sei im Alter von vierzehn zur See gefahren und folge noch immer dem Meer.

Was hat er dort gelernt? Schiffe kapern. Fernando zitiert aus einem Schreiben, das Kolumbus 1495 an die Krone gesandt haben soll:

Es passierte mir, dass der König Rynel, (René d'Anjou, 1409-1480) den Gott erhält, mich nach Tunez (Tunis) schickte, um die Galeere Fernandia zu nehmen.

Kolumbus, offensichtlich der Anführer, erfährt vor Sardinien, dass es sich um mehrere Schiffe handelt.

... was die Leute, die mit mir gingen, erschreckte, und sie beschlossen, nach Marsella (Marseille) zurückzukehren.

Um das zu verhindern, manipuliert Kolumbus den Kompass.

Ich ging auf ihre Forderungen ein, und den Punkt der (Kompass-) Nadel ändernd, setze ich bei Einbruch der Nacht die Segel, und bei Sonnenaufgang des nächsten Tages befanden wir uns vor dem cabo de Carthágine, während sich alle sicher waren, dass wir nach Marsella gingen etc.

Was heißt etc.? Das spannendste wird unterschlagen, nämlich ob es dem jungen Helden gelungen ist, die Galeere trotz der Übermacht zu kapern. Der Erzählung nach ist es Kolumbus gelungen, die gesamte Mannschaft zu täuschen. Niemand hätte also bemerkt, dass das Schiff seinen Kurs nicht um 180° änderte, sondern beibehielt. Und dass die Sonne an der falschen Seite aufging. Kann sein, meint Samuel Eliot Morison in ADMIRAL etc.:

Einfache Seemänner sind sehr tumb über die Stellung der Sterne, und der Wind könnte sich verändert haben, so dass ihnen an dem Kurs nichts falsch erschien.

Und der Kapitän und der Pilot schlafen ganz ruhig? Nein, die waren in Wahrheit die Betrüger.

Der einzige unmögliche Umstand ist die Behauptung von Columbus, er sei der Kapitän gewesen. Kein junger Bursche von ungefähr zwanzig Jahren, der die meiste Zeit seines Lebens Wolle kämmte und webte, konnte so schnell zu einem Kommandeur aufsteigen. Ich nehme an, dass Christopher in Wahrheit als Matrose auf Renés Schiff fuhr und einer von denen war, die den Trick entdeckten, mit dem sie hereingelegt worden waren. Als er den Vorfall ein Viertel Jahrhundert später in einem Brief an die Herrscher berichtete, ernannte er sich zum Kapitän, als der Würde eines Admirals eher angemessen.

Samuel Eliot Morison ist großzügig:

Kein Schiff konnte damals in einer Nacht bis Cape Carthage segeln. Aber wir sollten Columbus diese kleine Übertreibung erlauben, vielleicht erreichten sie die afrikanischen Küste nicht vor Mittag.

Und ist für sein Buch mit dem Pulitzerpreis geehrt worden. Nun der Rettungsversuch von Granzotto:

Ich weiß, dass berühmte Historiker dem von Fernando zitierten Brief Glauben geschenkt und den von ihm wiedergegebenen Text vorbehaltlos akzeptiert haben. Andere, zahlreichere haben sowohl in Bezug auf die Sache selber Zweifel erhoben als auch in Bezug auf die Existenz eines Briefes von Kolumbus, wie er von dessen Sohn rekonstruiert wurde.

Granzotto zählt die Ungereimtheiten auf und folgert:

Ich glaube nicht, dass das Ereignis stattgefunden hat. Ja ich glaube nicht einmal, dass Kolumbus einen solchen Brief hätte schreiben können. Fernandos Rekonstruktion beruht wohl - auch wenn man ihm guten Glauben zugute hält - auf Berichten und vertraulichen Mitteilungen, die sein Vater oder andere, die zu seinen Gefährten gehörten, ihm über die verschiedenen Abenteuer seines Seefahrerlebens gemacht haben.

Eigenlob

Nun hat aber Las Casas auf seiner Kopie vermerkt, es handele sich um Worte des Admirals. Fernando hat demnach schlicht abgeschrieben. Kolumbus standen noch keine Großschreiber zur Seite, er musste das selbst erledigen. 1501 war das Unternehmen noch immer ein Zuschussbetrieb, weil nur wenig Gold gefunden worden war. Seine Ämter in der Kolonie hatte Kolumbus verloren. Auch seine geografischen Befunde gaben Anlass, schlecht über ihn zu reden. Laut seinen Briefen hatte er ein einfaches Bild von der Regierung Spaniens: In der Mitte die guten Hoheiten, drum herum böse, ihm feindlich gesonnene Berater. Entsprechend wies er in Briefen an die Hoheiten immer wieder auf seine Verdienste und Fähigkeiten hin. Auch 1501:

Ich segelte im Jahr vierzehnhundert und siebzig und sieben im Monat Februar 100 leguas weiter als Tile ( Thule, Island), dessen südlicher Teil vom Äquator siebzig und drei Grade entfernt liegt und nicht sechzig und drei Grade wie manche sagen, und es ist nicht auf der Linie, wo der Westen beginnt, wie Ptolomeo sagt, sondern sehr viel weiter westlich. Und zu dieser Insel, die so groß wie England ist, gehen die Engländer mit Handelsware, besonders die aus Bristol. Als ich dort war, war das Meer nicht gefroren. Es gab auch eine allergrößte Flut, so dass sie sich an manchen Stellen zwei Mal am Tag zwanzig und fünf braças hob (rund 47 Meter) und ging ebensoviel zurück.

Richtig ist die Bemerkung über den Island-Handel der Engländer. Alles andere ist Seemannsgarn. 400 Meilen weiter als Island verhindert im Februar Eis jede Seefahrt, der Süden Islands liegt nicht auf 73 Grad sondern auf 63 Grad nördlicher Breite, wie die anderen richtig meinen, nämlich z.B. Ptolemäus. Island liegt durchaus auf der von Ptolemäus angegebene Linie. Die Gezeitenhöhe auf Island beträgt maximal drei Meter. Peinlich? Nein. Salvador de Madariaga:

Die geografischen Irrtümer dieses Textes sprechen nicht gegen die Wahrheitsliebe von Colón, sie bestätigen sie vielmehr. Einige seiner modernen Kritiker meinen, Colón habe sich dieser Reise gerühmt, ohne andere Unterlagen zu haben, als das, was er auf der Seekarte gelesen hatte. Aber wenn dem so wäre, fehlte es ihm nicht nur an Ehrlichkeit, sondern es wäre ein Mangel an Klugheit gewesen, Kosmografen und Seeleute unter so heiklen Umständen zu verbessern.

Das verstehe, wem es gegeben ist. Dann wieder Gedankenlesen:

Offensichtlich war Colón wirklich in Island oder Thule ... denn er wollte wissen, ob die arktischen Gewässer befahrbar seien.

John Dyson kann es noch besser.

Da man nicht aufs Packeis stieß, behauptete er hinterher, sein Schiff hätte einen eisfreien Seeweg zum Nordpol erschließen können, wenn es seine Fahrt fortgesetzt hätte.

Das ist frei erfunden. Morison hat ein Problem.

Nun, was machen wir denn daraus? Thile (Thule) bedeutet Island, das ist sicher. Christopher, in Lissabon ohne Penny angekommen, wäre bei der ersten Gelegenheit an Bord gegangen, die sich anbot. Es gab damals einen lebhaften Handel zwischen Lissabon, den Azoren, Bristol und Island. 63° 30´ ist richtig und nicht 73° für den Süden Islands. Aber Columbus war nie gut im Finden der Breite, und vielleicht war sein Kapitän nicht viel besser.

Und die zurückgelegte Strecke betreffend hätten sich die beiden um mehr als 1.000 Kilometer verschätzt? Und wie erklären wir die Monsterflut?

Es wäre eine Verschwendung von Zeit und Mühe, eine Erklärung dafür zu finden ... Zur Zeit des Columbus war alles möglich und über jedes offensichtliches Monster oder Wunder wurde berichtet.

Die meisten Biografen nehmen an, dass Kolumbus eine Reise nach Island unternommen hat. Obwohl der Admiral laut DIARIO sagt, er sein nur bis England gekommen.

Diverse Berufe

Der Hofchronist Andrés Bernáldez kannte Kolumbus. Wie schon zitiert:

Ein Mann aus Genua, Buchhändler, der in Andalusien Handel trieb, der sich Christobal Colón nennt.

Es existiert kein Dokument, das Kolumbus vor 1492 eine Funktion in der Seefahrt zuweist. Am 20. März 1472 bezeichnete sich Kolumbus vor einem Notar als Wollweber aus Genua:

Cristoforo de Columbo, lanerio de Juana.

Fernando wehrt sich gegen die Behauptung, sein Vater hätte einen handwerklichen Beruf ausgeübt. Er lässt sogar durchblicken, der Admiral stamme von großen Seefahrern ab, er sei nicht erste Admiral in seiner Familie. Seine Belege dafür sind so abenteuerlich, dass ihm in diesem Punkt doch niemand folgen will. Aber den Kaufmann in Kolumbus will keiner der zitierten Autoren entdecken. Zu bieder, für einen großen Mann. Dabei war der ja in einer Hinsicht unzweifelhaft erster. Der erste nämlich, der die Mittel für eine Westexpedition zusammenbrachte. Eine Leistung also, die in erster Linie als eine kaufmännische zu würdigen wäre.

Überragend?

Nur in der Kapergeschichte tritt Kolumbus als Seemann auf, und zwar als sehr junger Kapitän. Ansonsten verschweigt Kolumbus, als was er unterwegs war. Aber auch als Matrose oder zahlender Passagier macht man unterwegs Erfahrungen. Pietro Martire, der ihn kannte:

Er war wie sein Bruder Bartolome ein erfahrener Seemann.

Das könnte man doch so stehen lassen. Ein überragender Seemann war ja auch für den Job nicht erforderlich. DIARIO, 21. Februar:

Der Admiral sagt ... er sei in las Yndias den ganzen Winter über gesegelt ohne zu ankern, und dass er immer gutes Wetter hatte und dass er das Meer nur eine Stunde lang nicht gut sah, so dass er nicht gut segeln konnte.

Oswald Dreyer-Eimbcke ist der einzige der zitierten Autoren, der die Leistungen von Kolumbus mit denen seiner Kollegen vergleicht.

Ganz ohne Einfluss seiner Tat von 1492 wurde der amerikanische Kontinent, dessen Festland Kolumbus im Übrigen auch erst 1498 erreichte, 1497 durch GIOVANNI CABOTO und 1500 durch Caspar Cortereal im Norden, im gleichen Jahr durch die Spanier PINZON und DE LEPE sowie den Portugiesen CABRAL im Süden gefunden.

Samuel Eliot Morison spielt zum Thema großer Seefahrer eine Trumpfkarte aus. Der Genuese Michele de Cuneo war auf der zweiten Reise mit dabei und berichtet darüber in einem Brief:

Solange Genua Genua war, wurde niemand geboren, der so großmütig und so begeistert bei der Seefahrt war, wie der erwähnte Admiral. Beim Segeln brauchte er nur eine Wolke anzusehen oder nachts einen Stern, um zu wissen, was passieren würde oder ob es schlechtes Wetter gibt. Er übernahm selbst das Steuer, und wenn der Sturm vorbei war, setzte er selbst die Segel und ließ die anderen schlafen. Und, bevor wir die große Insel erreichten, sagte er diese Worte: >Ihr Herren, ich will sie zu einem Platz bringen, von dem einer der drei Magi aufbrach, um Christus anzubeten, einen Platz, der Saba heißt<. Als wir den Platz erreichten, und nach dem Namen fragten, sagten sie uns, er hieße Sobo. Da sagte der Admiral, es sei das gleiche Wort, aber sie könnten es nicht richtig aussprechen.

Saba gefunden, Kolumbus als Einhandsegler, und kein Verdacht, da könne Spott oder patriotischer Überschwang im Spiel sein. Nein Morison geht auf all die Kleingläubigen los, die seinem Kolumbus am Zeug flicken wollen:

Diese Huldigung von Kolumbus als Mensch und Seemann verdiente es, besser bekannt zu sein, vor allem den Lehnstuhl-Admirälen, die behaupten „Kolumbus war kein Seemann."

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