Die Legende von der Erde als Scheibe - Kolumbus und die spanischen Gelehrten
Kolumbus-Mythos im 19. Jahrhundert: Die spanischen Kleriker halten die Erde für eine Scheibe. Kolumbus hat das nie behauptet. Er schreibt, er habe immer gelesen, dass die Erde eine Kugel sei. Es gab ja auch schon ab 1570 gedruckte Karten mit Längen und Breiten,
Der bornierte Klerus und der große Gelehrte

Ein überzeugter Amerikaner brachte Kolumbus gegen das alte Europa in Stellung. Washington Irving, THE LIFE AND VOYAGES OF CHRISTOPHER COLUMBUS, London, 1828. Viele Auflagen, viele Übersetzungen.

Die Inquisition war gerade in diesem Königreich eingeführt worden und jede Meinung, die nach Häresie roch, setzte ihren Eigentümer Hass und Verfolgungen aus. Das war die Periode, als der Rat der klerikalen Gelehrten ... die neue Theorie überprüfte.

Seinem einfachsten Argument von der Kugelgestalt der Erde begegneten sie mit figurativen Texten aus der Bibel.

Columbus musste bei der Examinierung seiner Theorie mit einer Mischung von Ignoranz und Gelehrsamkeit und mit einer pedantischen Bigotterie kämpfen.

Das hat, wie gesagt, Schule gemacht. Richtig ist, dass die Inquisition wütete. Sonst nichts. Vornehm gesagt, fabuliert Irving, um seinen Kolumbus als großen Wissenschaftler auftreten zu lassen. Man kann auch sagen: Er lügt. Weil es in seiner Quelle anders steht. Die Quelle ist die einzige, und sie ist selbst problematisch. Es handelt sich um einen Text, den der erste Sohn von Kolumbus verfasst hat.

Plädoyer im Streit um Profite

Am spanischen Hof setzte sich nach dem Ableben von Kolumbus die Auffassung durch, auf dem befohlenen Westkurs sei es unvermeidlich gewesen, auf den Kontinent zwischen Asien und Europa zu stoßen. Auch habe es 1492 längst auf der Tagesordnung gestanden, im Westen nach Land zu suchen. Folglich sei Kolumbus nur anderen knapp zuvorgekommen, und besonderer Fähigkeiten habe es nicht bedurft. Schließlich sei es nicht sein Auftrag gewesen, einen Seeweg nach Indien zu suchen, sondern im Atlantik:

Gewisse Inseln und Festländer zu entdecken und zu gewinnen.

Diese Argumente benutzte die Krone, um Ansprüche der Kolumbus-Erben auf eine Beteiligung an den Erträgen aus den Kolonien abzuwehren. Bei einer langjährigen gerichtlichen Auseinandersetzung brachten die Anwälte der Erben vor, ohne die herausragenden seemännischen und kosmografischen Fähigkeiten von Kolumbus wäre der Kontinent nicht gefunden worden. Entsprechend plädiert Sohn Fernando Colón in einer Schrift, die er zwischen 1535 und 1539 fertig stellte, noch bevor der Prozess zum Nachteil der Erben endete. Warum sie nicht in Spanien erschien, ist nicht bekannt, also auch nicht, ob die Krone es verhindert hat. In Venedig gab es offenbar keine Probleme. Übersetzt von Alfonso Ulloa erschien dort im Jahr 1571:

LE HISTORIE etc. per D.
Fernando Colombo suo figlio ...

Das Bild, das Fernando von seinem Vater entwarf, wurde zur Grundlage für die nächste Großschreibung ab dem 19. Jahrhundert. Weil offensichtlich panegyrisch, also lobrednerisch, taugt das Werk eigentlich nicht als historische Quelle. Die meisten Biografen benutzen die HISTORIE aber, ohne Betrachtungen über die Motive Fernandos anzustellen. Sie halten sich an seine Erzählung, ohne die lobrednerischen Passagen zu zitieren. Zu dick aufgetragen, der Originalton.

Bornierte Dogmatiker?

Fernando:

Da die Angelegenheit mehr mit wissenschaftlichen Lehren zu tun hatte, als mit Worten und Gefälligkeiten, beauftragte ihre Hoheit den Prior des Prado und späteren Erbischhof von Granada, einen Rat von Geografen zu bilden, die den Vorschlag prüfen sollten, um dann Bericht zu erstatten.

In seinen späten Briefen beklagt sich Kolumbus immer wieder, seine Vorschläge seien nicht verstanden und belächelt worden. Er sagt aber nicht, was er vorgeschlagen hat und was dagegen vorgebracht wurde. Auch Fernando hilft den Biografen den großen Plan betreffend nicht aus der Patsche. Sie kompilieren den Bericht in der HISTORIE, zitieren aber nicht daraus. Kapitel 12:

Es gab damals nicht so viele Geografen wie heute, die Mitglieder des Rates waren nicht so gut informiert, wie es die Sache erforderte.

Was Kolumbus vorschlug, teilt Fernando nicht im Klartext mit. Es lässt sich nur aus einem Einwand schließen, den er den Gelehrten unterstellt. Die hätten bezweifelt, man könne ...

... das Ende des Orients( fin d`Oriente) erreichen, wohin der Admiral segeln wollte.

Wohin genau? Zwei Sätze mehr und wir könnten beurteilen, ob es ein guter Plan war. Den Gelehrten ging es auch nicht besser.

Der Admiral wollte nicht alle Details seines Plans enthüllen, damit er nicht auch in Kastilien gestohlen werde, wie zuvor in Portugal.

Fernando teilt also kein einziges Detail des Plans mit, sondern nur Einwände der Ratsmitglieder. Woher kannte er sie? Ein Protokoll ist nicht überliefert. Hat Fernando fabuliert? Hat er eine verschollene Quelle benutzt? In beiden Fällen interessant: Er gibt zwei Einwände wieder, die die These von der Beschränktheit der Gelehrten nicht bestätigen. Einige sollen gesagt haben:

Es ist unwahrscheinlich, dass der Admiral mehr wissen sollte, als alle anderen in der Vergangenheit und heute. Andere beriefen sich auf die Geographie und stellten fest, die Welt sei zu groß um das Ende des Orients zu erreichen, wohin der Admiral segeln wollte, das würde mehr als drei Jahre erfordern.

In der Größenordnung richtig, die Magellan-Expedition 1519-1522 brauchte bis China anderthalb Jahre. Wer immer unterstellt, die Experten der Krone hätten die Kugelgestalt Erde bezweifelt., kann sich nicht auf Fernando berufen.

Andere argumentierten, wenn man nach dem Vorschlag des Admirals den Westkurs einhalten würde, könnte man nicht nach Spanien zurückkehren, weil die Erde rund ist.

Es würde nämlich auf dem Hinweg bergab gehen und:

Sie könnten nicht zurückkehren, weil es so wäre, als würde ein Schiff auf den Gipfel eines Berges segeln.

Das hält Fernando offensichtlich für unsinnig. Allerdings äußert sich Kolumbus ähnlich kompetent zu diesem Thema:

Schiffe erheben sich von einem Punkt 400 Meilen westlich von den Azoren himmelwärts.

So in einem Brief an die Krone 1498. Zurück zu Fernando:

Der Admiral gab angemessene Antworten auf diese Einwände. Aber je treffender seine Argumente waren, um so weniger haben diese Männer sie wegen ihrer Unwissenheit verstanden. Wenn jemand in Mathematik schlecht ausgebildet ist und ein fortgeschrittenes Alter erreicht, kann er die Wahrheit nicht mehr erkennen und verharrt bei den fehlerhaften Ansichten, die sich ihm eingeprägt haben. Am Ende wiederholten sie alle die in Zweifelsfällen typische spanische Redewendung: St. Augustin bezweifelt es. Denn im Kapitel 9, Buch XXI von DE CIVITATE DEI REPROBA verneint der Heilige die Existenz der Antipoden und hält es für unmöglich, von einer Hemisphäre in die andere zu gelangen.

Fernando unterstellt also, die Geografen hätten sich dogmatisch an diese theologische Lehrmeinung gehalten. Das ist der einzige von Fernando zitierte Einwand vom Typ klerikal-engstirnig. Trotzdem wird Kolumbus noch immer von einigen Biografen als Opfer eines kirchlichen Dogmatismus hingestellt. Als wäre der Einwand:

... die Welt sei zu groß um das Ende des Orients zu erreichen ...

nicht völlig berechtigt gewesen. Nicht nur objektiv, sondern auch im Licht der damaligen auf Messungen beruhenden Erkenntnisse über die Größe der Erde. Auch Biografen, die das einräumen, äußern sich abfällig über die Gelehrten. Haben sie sich doch, auch wenn sie Recht hatten, dem großen Entdecker in den Weg gestellt. So jedenfalls Fernando:

Am Ende verurteilten sie das Unternehmen als vergeblich und unmöglich und erklärten den Herrschern, es vertrüge sich nicht mit der Würde so großer Fürsten, ein Vorhaben zu unterstützen, das auf so schwachen Begründungen beruhe.

So geben es die Biografen weiter, obwohl eine zweite Mitteilung über den Ausgang der Anhörung vorliegt. Hofchronist Bernáldez:

Die Hoheiten ... beriefen Männer, gelehrt in Astrologie und Astronomie und Hofgelehrte der Kosmografie, um sich von ihnen beraten zu lassen.. Nachdem sie Cristobal Colón angehört hatten, war die Meinung der meisten von ihnen, dass er die Wahrheit sagte.

Welche Wahrheit? Nur: Man kann das Ende des Ostens auf Westkurs erreichen? Oder auch: In wenigen Tagen? Washington Irving spricht von einer neuen Theorie. Und verrät uns:

Nach der Überzeugung von Kolumbus war die Erde eine feste Kugel.

De Gelehrten und die Biografen

Fernandos HISTORIE ist die einzige zeitgenössische Quelle, in der Einwände formuliert werden. Salvador de Madariaga unterschlägt sie, dafür weiß er, was Kolumbus vorgetragen hat:

Vor dieser Kommission kann Colón nur gesprochen haben, wie Marco Polo, Toscanelli und Esdras es ihn gelehrt hatten. Wahrscheinlich mengte er die Angaben von allen dreien durcheinander.

John Dyson in COLUMBUS, 1991:

In ... Spanien betrachtete man das Gebiet der Geografie noch immer mit den Scheuklappen des Mittelalters ... Ferner war jeder Hinweis darauf, dass die gegenüberliegende Landmasse von Menschen bewohnt sein könnte, ein direkter Verstoß gegen die von der Bibel verkündete Wahrheit ... Damit geriet der fromme Columbus in die gefährliche Nähe der Ketzerei.

Die meisten Biografen lassen das Gremium unter dem Vorsitz von Hernando Talavera 1486 in Salamanca tagen, obwohl dafür kein zeitgenössischer Beleg existiert. Gianni Granzotto in CHRISTOPH KOLUMBUS, 1984.

Gerade in Salamanca wurden damals die neusten und zuverlässigsten Theorien über die Größe des Erdballs entwickelt. In ihrer Mehrheit waren Kolumbus´ Gutachter, wie Washington Irving sie in seiner schönen im 19. Jahrhundert verfassten Biografie definierte, >mittelalterliche Mandarine<.

Washington Irving:

Ein einfacher Seemann stand inmitten einer Schlachtordnung von Professoren, Mönchen und kirchlichen Würdenträgern, beharrte mit natürlicher Beredsamkeit auf seiner Theorie und vertrat sozusagen die Sache der Neuen Welt.

Als erster Amerikaner, sozusagen. Zvi Dor-Ner:

Sie maßen seine Behauptungen ... vor allem an den Werken des heiligen Augustinus ... Damit soll nicht gesagt sein, dass Kolumbus, als er vor der Kommission stand, nur abschreckender Ignoranz begegnete ... Aber am allerwenigsten dürfen wir dem Irrtum erliegen wie Washington Irving in seiner Kolumbus-Biografie, dass die Wissenschaftler ... die Erde für eine Scheibe hielten.

So in KOLUMBUS, 1991. S. E. Morison:

Das ergreifenden Drama, wie es Irving erzählt, wurde zu einer der populärsten kolumbianischen Mythen ... Die Frage war die Größe des Ozeans, und darin hatte die Opposition recht.

Krieg stand im Weg

Schließlich überrascht uns Fernando mit der Meldung, das Votum der Kommission habe nicht den Ausschlag gegeben.

Nachdem so viel Zeit und Geld für das Projekt verschwendet worden war, antworteten die Hoheiten, dass sie mit vielen anderen Kriegen und Eroberungen beschäftigt seien, besonders mit der Belagerung von Granada, und sich daher nicht einer neuen Unternehmung zuwenden könnten, aber mit der Zeit würde sich eine bessere Gelegenheit ergeben, das Angebot zu prüfen. Tatsächlich traute der König den großen Versprechungen nicht, die der Admiral gemacht hatte.

Das beschreibt die politische Großlage ganz genau. Granada war der letzte von Muslimen beherrschte Staat auf der Halbinsel. Sieben Jahre lang waren die Streitkräfte der Krone damit beschäftigt, das Territorium zu erobern. Nach der Kapitulation, noch im Feldlager, genehmigten die Hoheiten die Expedition. Kolumbus, Bericht an die Krone, 1503:

Sieben Jahre verweilte ich an Eurem königlichen Hof wo, alle, mit denen man über dieses Unternehmen sprach, einstimmig sagten, es sei eine lächerliche Sache.

Gut möglich, dass er genervt hat. Aber womit?


Hauptseite