(3) Unsere Brüder - Worte und Taten - Angriff auf Ostrom

Hilfe erwogen, aber nicht geleistet

Nach der Schlacht bei Manzikert 1071 und der Landnahme durch türkische Sultane in Anatolien teilte Papst Gregor VII. König Heinrich IV. mit, was er nun in die Wege zu leiten gedenke:

Bischof Gregor, Diener der Diener Gottes dem rühmlichen König Heinrich, Grüße und apostolischen Segen ... Die Christen jenseits des Meeres, die zum größten Teil durch unerhörte Gemetzel vernichtet wurden und täglich wie Viehherden abgeschlachtet werden, haben mir geschrieben und mich demütig gebeten, dass ich diesen unseren Brüdern in jeder Weise helfe, damit ... die christliche Religion nicht in unsren Zeiten völlig untergehe ...

Er habe zu einem Feldzug aufgerufen und 50.000 Mann seien bereit, unter seiner Führung nach Jerusalem zu ziehen ...

Ich bin besonders geneigt zu dieser Unternehmung, weil die Kirche von Konstantinopel, die von uns in der Frage des Heiligen Geistes abweicht, auf eine Verständigung mit dem apostolischen Stuhl hofft. Die Armenier ... und alle Ostkirchen warten auf eine Entscheidung des Glaubens des Apostels Peter über ihre verschiedenen Ansichten.

Vulgo, der Papst in Rom ist der Oberherr aller Christen und duldet keine abweichenden Lehrmeinungen. Gregor nennt die Ostchristen zwar Brüder, allerdings Brüder, die abweichen, die verschiedenen Ansichten haben. Er beschuldigt sie also der Häresie, und diese Beschuldigung enthält schon die Androhung, zwecks ihrer Ausrottung könne auch Gewalt angewendet werden. Offensichtlich plante Gregor, die Unterwerfung Ostroms mit einer Hilfsaktion zu verbinden, oder als solche zu tarnen. Im Prinzip war es der richtige Zeitpunkt, den Brüdern beizustehen, aber es passierte rein gar nichts. Auch in den nächsten Jahren nicht. 25 Jahre lang hat kein Papst auch nur angekündigt, er werde ein Hilfscorps nach Ostrom in Marsch setzen.

Die Lage der Brüder um 1080 und danach

Anna Comnena
, die Tochter des Kaisers Alexios:

Die gottlosen Türken waren in Sichtweite im Propontis-Gebiet und Suleiman beherrschte die Umgebung von Nikaia, wo sein Sultan-Palast war. Die ganze Gegend von Bithynia und Thynia war den Furagetrupps Suleimans ausgesetzt. Räuberbanden zu Pferd und zu Fuß plünderten bis Damalis und an den Bosporus. Sie machten große Beute und es fehlte noch, dass die den Meerarm überquerten. Die Römer sahen, wie sie ohne Furcht und unbelästigt in den Dörfern an der Küste und in heiligen Gebäuden wohnten.

Anna weiter: Obwohl die Landung der süditalienischen Normannen unter Robert Guiscard im Westen des Reichs bevorsteht, entschließt sich Alexios zur Offensive.

Alexios drängte den Feind bis weit hinter den Bosporus und verjagte sie aus den Distrikten von Bithynia und Thynia und den Grenzen von Nicomedia. Der Sultan sah sich gezwungen, um einen Waffenstillstand zu bitten. Alexios stimmte gern Verhandlungen zu, denn er war über die weitgehenden Ambitionen Roberts aus verlässlichen Quellen informiert.

Angriff statt Beistand, ein Kreuzzug gegen Ostrom

Papst Gregor schreibt am 25. Juli 1080 einen Brief an die Bischöfe von Apulien und Kalabrien. Sein Anliegen: Sie sollen einen Feldzug des normannischen Herzogs Robert nach Ostrom unterstützen und den Teilnehmern die Vergebung der Sünden versprechen.

. Ermahnt diejenigen, die mit dem Herzog ... ausziehen wollen, gebührend Busse zu tun ...; dann sprecht sie, auf unsere Autorität gestützt, sogar auf Vollmacht des Heiligen Petrus, von ihren Sünden los (… imo beati Petri potestate, a peccatis absolvite).

Eine Militärexpedition im Auftrag der Kirche mit der Zusgage himmlischen Lohns ist per Definition ein Kreuzzug. Da es gegen Christen ging, zählt er in der abendländischen Geschichtsschreibung nicht als solcher. Der Aufruf wurde befolgt. Im März 1081 landete dann das Aufgebot des Herzogs Robert Guiscard an der albanischen Küste. Das Ziel: Konstantinopel. Roberts Sohn Bohemund, 16 Jahre später Anführer der Süditaliener beim Kreuzzug, war mit von der Partie. Damit befand sich Ostrom sich im Zweifrontenkrieg. Alexios mobilisierte die letzen Reserven, um die Invasoren zu vertreiben. Im April 1081 schleuderte Gregor den Bannspruch gegen Alexios. Kaiser Alexios muss die Ostfront entblößen. Seine Tochter Anna Comnena:

Alexios wusste, dass das Reich in den letzen Zügen lag. Der Osten wurde schrecklich von den Türken verwüstet, der Westen befand sich in schlimmer Lage. Robert ... rüstete sich auf entsetzliche Weise für die Schlacht gegen das Reich ... Die Römer hatten kaum noch Truppen ... Im Staatsschatz gab es kaum noch Geld, um ausländische Verbündete zu gewinnen ... Alexios wandte sich an alle Gouverneure des Ostens, die sich in ihren Festungen und Städten den Türken tapfer Widerstand leisteten ... Er sandte ihnen Botschaften ... in der er ihnen die drohende Gefahr erläuterte und wies sie an, für die Sicherheit ihrer Provinzen zu sorgen und zu diesem Zweck genug Truppen zu hinterlassen, und mit dem Rest nach Konstantinopel zu eilen und möglichst viele körperlich geeignete Rekruten mitzubringen.

König Heinrich rettet Ostrom

Neben Heinrich IV. konnte Alexios Venedig als Bundesgenossen gewinnen In der ersten Schlacht im Oktober 1081 behielten Guiscards Mannen die Oberhand. Aber der Vormarsch ins Landesinnere in Richtung Konstantinopel geriet Anfang 1082 ins Stocken. Ursache war ein Brief von Papst Gregor, der des Beistand bedurfte. Der Chronist Frutolf, Prior des Klosters Michelsberg:

Im Jahr des Herrn 1081. König Heinrich zieht mit seinem Heer nach Italien und gelangt Pfingsten nach Rom. Da der Papst ihm mit den Römern Widerstand leistet, schlägt er sein Lager vor der Burg St. Peter auf ...

Heinrich wollte den Papst natürlich in seinem ureigenen Interesse ausschalten, aber der Nebeneffekt zum Nutzen von Kaiser Alexios war beträchtlich: Herzog Robert setzte tatsächlich mit einem Teil der Truppe nach Italien über. Sohn Bohemund übernahm das Kommando, aber vor Larissa an der Ostküste war Schluss mit der Landnahme, weil die Normannen gegen eine bunt gemischte Truppe unter Alexios unter die Räder gerieten. Nun zog sich auch Bohemund mit den Seinen nach Apulien zurück. Ostrom gerettet? Zunächst schien es so, zumindest gab es erst Mal die versprochene Belohnung für König Heinrich, der in Rom noch immer Papst Gregor bedrängte. Frutolf:

1083 Im Sommer ... trafen griechische Gesandte ein, die zahlreiche Geschenke aus Gold und Silber, an Gefäßen und Seidenstoffen mitbrachten.

Nächster Anlauf

Im Herbst 1084 überquerten 120 Schiffe unter dem Kommando des Herzogs und seiner vier Söhne die Adria. Eine Flotte aus Venedig lieferte ihnen vor Korfu drei Seeschlachten, gewann zwei, verlor aber die dritte. Nach der Landung brach im Lager der Normannen eine Seuche aus und verschonte auch die Anführer nicht. Bohemund begab sich schwer erkrankt auf die Heimreise und sein Vater raffte es im Juli 1085 auf Corfu dahin. Bohemund genas, musste aber seine Ostpläne einige Jahre zurückstellen, da es mehrerer Kriege bedurfte, um seinem Bruder Teile des väterlichen Erbes abzujagen. So konnte Alexios die Front in Anatolien stabilisieren. Laut Anna war er ziemlich erschrocken, als die Meldungen über den Anmarsch der Lateiner eintrafen. Wie sollte er auch auf die Idee kommen, ihre Einstellung zu Ostrom hätte sich geändert. Sie hatte sich nicht geändert. Beim Marsch durch oströmisches Territorium auf dem Balkan kam es dann auch prompt es zu schweren Übergriffen auf die griechischen Brüder. Nach der Vertreibung der türkischen Invasoren aus Ost-Anatolien, werden einige lateinische Anführer dort die Herrschaft übernehmen, anstatt Land und Städte an Ostrom zurückzugeben. So auch Bohemund, der sich 1098 zum Oberherrn des Fürstentums Antiochia erheben wird.

Brüder in Christo ausrotten

Ein Bemühen Gregors, den Brüdern im Osten zu helfen, lässt sich also beim besten Willen nicht ausmachen. Auch in den überlieferten Briefen und Aufrufen Papst Urbans ist von einer Hilfeleistung die Rede. Ob er es ernst meinte, wissen wir nicht. Aber was die politische Klasse, der er angehörte, von den Brüdern hielt, ist überliefert. Fulcher von Chartres zitiert in seiner Chronik ein Schreiben, das die Anführer des Feldzuges nach der Inbesitznahme mehrer Städte in Kleinasien im September 1998 an Papst Urban richteten.

An der verehrungswürdigen Herrn Papst Urban, von Bohemund, Graf Raimund von St. Gilles, Herzog Gottfried von Lothringen ... Wir wünschen und wollen dir Kunde zu geben, dass durch die große Gnade Gottes und seinen offenkundigen Beistand Antiochia eingenommen wurde ... Wir haben die Türken und Heiden überwunden, aber die häretischen Griechen und Armenier, Syrer und Jakobiten konnten wir nicht überwinden. Daher tragen wir dir auf und nochmals auf, dass du geliebter Vater, als Vater und Oberhaupt auf den Platz deines Vorgängers kommst ...

... gemeint ist der Patriarchenstuhl von Antiochia, nach Auslegung der Kirche vom Apostel Petrus gegründet ...

... und die Häretiker aller Art mittels deiner Autorität und unserer Stärke ausrottest und zerstörst. (eradices et destruras).

Auch bei den Chronisten des Feldzuges ist nie von geliebten Brüdern in Christo die Rede, sondern von Ketzern, Verrätern, Feiglingen. Wie Urban auf das Schreiben reagierte, ist nicht überliefert. Sein Nachfolger hat dann ein paar Jahre später tatsächlich den Feldzug Bohemunds gegen Ostrom kirchlich abgesegnet.

1095: Alexios Lage konsolidiert.

Worte und Taten belegen also, dass die Ostpolitik der Gregor-Partei nicht vom Mitgefühl für die griechischen Brüder bestimmt war. Deren Lage war vor 1081 verzweifelt, dann aber nicht mehr. Anna Comnena:

Alexios drängte den Feind bis weit hinter den Bosporus und verjagte sie aus den Distrikten von Bithynia und Thynia und den Grenzen von Nicomedia. Der Sultan sah sich gezwungen, um einen Waffenstillstand zu bitten ...

Ein Friedensvertrag legte den Fluss Drakon als Grenze fest. Die Sultane hatten im Folgenden Händel untereinander, Alexios mit Feinden ringsum. So war es an dieser Front relativ ruhig, auch 1095, in dem Jahr also, als er um Beistand ersucht haben soll.

1095: Urbans Lage prekär

Als Papst Urban im Jahr 1095 die westlichen Feudalherren zu den Waffen rief, war nicht Alexios in Bedrängnis, sondern er. In Rom regierte nämlich noch immer sein Rivale Klemens als Papst mit der Autorität, die ihm der Stuhl Petri verlieh. Ein Manko, das Fulcher so formuliert:

Solange Urban von seiner Kirche ausgeschlossen war, reiste er durch die Provinzen und versöhnte das in wichtigen Dingen abtrünnige Volk wieder mit Gott.

Fulcher behauptet König Heinrich hätte Papst Gregor aus Rom vertrieben. Das ist allenfalls die halbe Wahrheit. Tatsächlich war es so. Von Heinrichs Aufgebot bedrängt, machte Gregor 1084 den Fehler, Herzog Guiscard um militärischen Beistand zu bitten. Die Normannen legten sich nicht mit der Gefolgschaft Heinrichs an, sondern tobten plündernd durch die Stadt. Folgerichtig ergriffen die Bürger nun die Partei Heinrichs, worauf sich Gregor nach Salerno absetzte, wo er kurz darauf verschied. Die Bischöfe der Gregor-Partei mussten sich im Jahr 1088 auf dem süditalienischen Territorium Robert Guiscards versammeln, um Urban zum Papst zu erheben. Dessen vordringlichstes Problem war es natürlich, in Rom Fuß zu fassen und die Klemens-Partei auszuschalten. Aber wie? Da die Streitkräfte Roberts sich in Rom bis auf weiteres nicht sehen lassen konnten, kamen nur unbelastete Militärs in Frage. Etwa französische Feudalherren im Rahmen einer gemeinsamen Unternehmung. Ratsam war also ein Konzil in Frankreich. Fulcher zählt eine ganze Reihe von plausiblen Gründen auf, den Feldzug zu initiieren. Einen teilt er indirekt mit:

Urban aber kam in jenem Jahr, da die Franken auf ihrem ersten Jerusalemzug durch Rom kamen, erst in den vollen Genuss der apostolischen Macht.

Das heißt, Klemens III. musste die Engelsburg räumen, seine letzte Bastion in Rom