Vom Umgang mit der Kosmografie

Kein Ei also. Auf einem Bierdeckel hätte er aber Platz gefunden, der ganze Plan, sofern es schon welche gegeben hätte. Die Erde ist eine Kugel, also ist das Ende des Ostens auf Westkurs erreichbar. Dass die Erde eine Kugel war, wussten nicht nur Gelehrte, sondern etwa auch die Praktiker zur See. Es war längst üblich, die geografische Breite mit Quadranten zu ermitteln, was die Kugelgestalt der Erde voraussetzt. Unsicherheit bestand ja nur bezüglich der Größe des Ozeans. Ein ehrlicher Gelehrter hätte nach der Lektüre der YMAGO MUNDI des Pierre d'Ailly befunden: Zwischen 7.500 Meilen und 15.000 Meilen, wenn man die Messungen berücksichtigt. Kolumbus beklagt in seinen Briefen immer wieder, man habe ihm in Spanien sieben Jahre lang keinen Glauben geschenkt. Er sagt aber nicht, was er bezüglich der Entfernung vorgetragen hat.
Sohn Fernando verrät es auch nicht. Ohne eine Aussage darüber zu machen, war es aber möglich, eine Westexpedition vorzuschlagen, ohne ein einziges Buch gelesen zu haben. Das gilt auch für die Durchführung. Um einen westlichen Kurs einzuschlagen, bedurfte es keines Studiums der Kosmografie. In seinen Berichten über die erste und die zweite Reise macht Kolumbus nicht eine einzige kosmografische Anmerkung. Er versucht nicht, den Eindruck zu erwecken, er sei belesen. Erst in seinen späteren Briefen gibt er den großen Gelehrten. Die spanische Krone war offensichtlich nicht beeindruckt. Andere durchaus. Gianni Granzotto, CHRISTOPH KOLUMBUS, dva, 1985:

Kolumbus' Modernität hatte die Ketten des Mittelalters gesprengt ...

Bibelforschung

Spätestens nach der zweiten Reise musste Kolumbus feststellen, dass ihm niemand mehr abnahm, er habe Asien erreicht. Warum er trotzdem darauf beharrte? Die zufällige Entdeckung irgendwelcher Inseln im Atlantik bedurfte offensichtlich keiner besonderen Fähigkeiten, entsprechend gering waren die Aussichten für besondere Entlohnungen. Kolumbus musste also darauf bestehen, etwas Besonderes vollbracht zu haben. Und zwar beharrlich, da die Krone ihm weniger zukommen ließ, als er für angemessen hielt. Um darzulegen, dass es sich etwa bei Kuba um ein asiatisches Festland handelte, bedurfte es nun tatsächlich gelehrter Argumente. Also war der Griff zum Fachbuch angesagt. In der Biblioteca Colombina (Sevilla) gibt es ein Exemplar der YMAGO MUNDI mit Randnotizen, die laut Mehrheitsmeinung der Experten überwiegend von Kolumbus verfasst wurden. Einige wiederholen nur, was im Text steht. Andere dienten offensichtlich als Formulierungshilfe bei der Abfassung von Briefen an die Krone. Hervorgehoben wird alles, was den Ozean klein erscheinen lässt. So wird am Rand der Satz bestätigt:

Aristoteles erklärt, das Meer zwischen dem äußersten Westen Spaniens und dem Osten Indiens sei sehr klein

Kolumbus 1498. Bericht an die Krone über die dritte Reise:

Aristoteles sagt dass diese Welt klein ist und es wenig Wasser gibt und es leicht ist, nach las Indias zu gelangen ... Der Kardinal Pedro de Alico (Pierre d'Ailly) beweist diese Ansicht und autorisiert sie.

Las Indias war inzwischen der Name für die Kolonien. D'Ailly zählt weitere Gelehrte auf, die den Ozean eher für klein halten. Die Randnotizen dazu:

Esdras. Sechs Teile der Erde sind bewohnt, der siebte ist mit Wasser bedeckt ... Es ist zu beachten, dass Ambrosius und Augustinus Esdras für einen Propheten halten ... Ambrosius akzeptiert diese Prophetien in dem er diese Wahrheit berichtet: Mein Sohn Jesus starb und das Zeitalter möge sich wenden ... Am dritten Tag versammelte Gott das Wasser an einem Ort unter dem Firmament ... oder die Erde öffnete sich, um das Wasser einzuschließen wie eine Vase ... Als das Werk mit den Wassern vollendet war, wird gesagt, dass Gott sah, das alles gut war.

Im Bericht an die Krone zitiert Kolumbus einige Gelehrte, die den Ozean für besonders klein halten und fasst zusammen:

Der Kardinal gibt ihnen mehr Autorität als Ptolomeo und anderen Griechen und Arabern ... Und er führt die Autorität von Esdras an, der in seinem 3. Buch sagt, dass von sieben Teilen der Erde sechs entdeckt sind und einer mit Wasser bedeckt ist, und dessen Autorität wird von Heiligen bestätigt ... wie zum Beispiel von San Augustin und San Ambrosio ...

Falsch gemessen, aber ganz genau

Im Juni 1494 brach Kolumbus die Erkundung der kubanischen Küste ab, ohne die Insel umsegelt zu haben. 1503, Brief an die Krone:

Ich weiß, dass ich im Jahr 1494 auf dem 24 Breitengrad zum Endpunkt der neunten Stunde gefahren bin.

Also zum 135. Grad westlicher Länge, damals von der Westküste Portugals zählend (9 x 15°). Tatsächlich hatte er von Cap Vicente aus gerechnet maximal den 90. Längengrad erreicht. Kolumbus:

Ptolomeo glaubte, Marino berichtigt zu haben, aber nun stellt sich heraus, dass seine Schrift der Wahrheit näher ist ... Marino setze das Land bis zum Ende mit 15 Linien (Stunden) an ...

15 Stunden Ausdehnung Land, 9 Stunden Ausdehnung Ozean. Das passt. Kolumbus hatte den 135°-Ozean von Marinus überquert und war folglich in Asien angekommen. Jetzt ist er selbst eine Autorität: Ein paar Zeilen weiter kommt er zu dieser Feststellung:

Ich sage, die Erde ist nicht so groß, wie man allgemein behauptet, und ein Breitengrad sind 56 2/3 Meilen.

Selbst gemessen, laut Randnotizen Nr. 490:

Zu beachten. Ich habe auf der Fahrt von Lissabon nach Süden nach Guinea oft die Strecke mit Sorgfalt beobachtet, wie Kapitäne und Seeleute es gewöhnt sind. Sodann nahm ich viele Male mit dem Quadranten und anderen Instrumenten die Höhe der Sonne ...

Als ob es so einfach wäre. Man muss die jahreszeitlichen Abweichungen kennen und die in Nordsüdrichtung zurückgelegte Strecke.

... und fand mich in Übereinstimmung mit Alfraganus, das heißt, die Länge eines Grades beträgt 56 2/3 Meilen. Diese Messung muss anerkannt werden. Also können wir sagen, der Erdumfang beträgt auf dem Äquator 20.400 Meilen.

56 2/3 Meilen pro Grad statt rund 75. In der Randnotiz Nr. 24 ist ebenfalls von einer Messung die Rede:

Im Jahr 1488 im Dezember kehrte Washington Irving:

Der Erfolg des großen Unternehmens hing merkwürdiger Weise von zwei glücklichen Irrtümern ab: Von der eingebildeten Ausdehnung Asiens nach Osten und von der zu gering angenommenen Größe der Erdkugel. Beide Irrtümer gehen jedoch auf die gelehrtesten Köpfe jener Zeit zurück.

Oswald Dreyer-Eimbcke, KOLUMBUS, 1991:

Der allenthalben so grandios irrende Entdecker ...

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