Irak-Feldzug und 1. Kreuzzug: Erstaunliche Parallelen
Papst Urban in Clermont Bush erklärt den Krieg
Papst Urban 1095, Konzil in Clermont. Die anschliesend verlautbarte Begründung für den Feldzug: Befreiung der von den Türken grausam unterdrückten Christen in Anatolien. Sie wird bis heute überwiegend aktzeptiert. Bis heute unterschlagener Beschluss:

Auf dem Konzil zu Clermont... wurde mit einmütigem Beifall dekretiert, dass jede Stadt jenseits des Meeres, die den Heiden entrissen werden kann, für immer ohne Widerspruch behalten werden soll.


Präsident George W. Bush am 16.3.2203: Montag ist der Augenblick der Wahrheit der Welt für Irak (Gipfeltreffen auf den Azoren)
Kreuzritter in Jerusalem
Der Beschluss wurde durchgeführt. Die Bekreuzten gründeten unterwegs Kolonialstaaten und nahmen Jersualem vollständig in Besitz, nachdem sie alle Bewohner, Juden, Muslime und Christen abgeschlachtet hatten.
Vorwort zur Aktualität

(0) Von Papst Urban II. (1095) zu George W. Bush

Erstaunliche Parallelen

Im Rahmen der Rechtfertigung beider Irakfeldzüge haben die jeweiligen Präsidenten von einem Kreuzzug gesprochen. Mittelalterlich befinden die Kritiker, modern geben die Befürworter zurück. Irgendwie haben beide Recht. Vergleicht man das Original mit der Reprise, ergeben sich erstaunliche Parallelen. Die Betreiber von damals haben der Propaganda einen ähnlich hohen Stellenwert eingeräumt wie die heutigen. Im Zentrum stehen Anschuldigungen und selbstlose Motive.

Aufruf von Papst Urban:

Die gottlosen Türken haben in Kleinasien Kirchen zerstört, die Ostchristen getötet und unterdrückt, sie bedrohen auch den Westen. Es geht uns um die Befreiung der Ostchristen.

Kriegsgrund laut US-Regierung:

Der Irak besitzt Massenvernichtungswaffen, das Regime unterdrückt die Bevölkerung, tötet Gegner und bedroht den Westen. Es geht uns um die Befreiung der Iraker, Demokratie und Menschenrechte.

Verlauf

Beim Vormarsch haben die Kreuzfahrer keine zerstörten Kirchen gefunden und keine Belege für eine feindselige Behandlung der Ostchristen. Die Feudalherren aus den Westen übten als Besatzungsmacht die Herrschaft aus, viele Ostchristen kamen zu Schaden, die Befreiten setzten sich teilweise zur Wehr. Die einen fanden keine zerstörten Kirchen, die anderen keine Massenvernichtungswaffen. In beiden Fällen entlarvt der Verlauf die Begründungen zumindest partiell als Propaganda. Vor allem das von den PR-Beratern der US-Regierungen ausgemalte Feindbild (Reich des Bösen) ist für Kreuzzüge typisch. Das aber ist nur erkennbar, wenn man das originäre Konstrukt kennt.

Texte unterschlagen

Auch die Größten der Zunft, Hans Eberhard Mayer und Steven Runciman haben weder die Propaganda für die Kreuzzüge thematisiert noch die überlieferten Texte zitiert. Sie belegen, was durch das Versäumnis wie eine Enthüllung wirkt, nämlich dass die erste Militärexpedition in den Nahen Osten von einer massiven Werbung begleitet wurde. In älteren einschlägigen Werken wurde das Feindbild der Kreuzzugspropaganda dagegen sorgsam gepflegt. Und es wirkt nach.

Hasspredigt

Was Muslime so in christlichen Kirchen treiben:
Was Muslime angeblich in Kirchen treiben - um 1325
Miniatur, entstanden um 1325 in Frankreich. Den dazugehörigen Text haben Generationen von Europäern gelesen, in Handschriften und dann auch gedruckt. Verfasst wurde er von einem Mönch aus Reims um 1110. Er lautet:

Sie wandeln Altäre um, die sie mit ihren Abscheulichkeiten befleckt haben, beschneiden die Christen, und verspritzten das Blut der Beschneidung über die Altäre oder gießen es in die Taufbecken.

Fast alle Chronisten machen von diesem Text Gebrauch. So auch der populäre Wilhelm von Tyros:

Das gottlose Volk der Türken hatte die ehrwürdigen Orte entweiht, die Gottesdiener hinausgeworfen und die Kirchen zu vulgären Gebrauch bestimmt. Die einen zu Ställen für Pferde und Lasttiere, die anderen für Zwecke, die für diese Orte unschicklich waren.

Es schwelt noch unter der aufgeklärten Oberfläche. Brigitte Bardot warnt in ihrem Buch Ein Schrei in der Stille vor der Islamisierung Frankreichs.

Die Flüchtlinge schänden und stürmen unsere Kirchen, um sie in menschliche Schweineställe zu verwandeln und scheißen hinter die Altäre.

Die Dame wurde zu einer Geldstrafe von 5000 Euro verurteilt. Ein guter Verteidiger hätte zur Entlastung auf die lange gepflegte Tradition und die Quellen ihrer Verlautbarung hingewiesen.

Die Türken vor Wien

Wer neuerlich zu einem Kreuzzug aufruft, rechnet damit, dass die Bilanz der Originalunternehmung verdrängt wurde. Die Kolonien im Nahen Osten konnten sich nur rund hundert Jahre lang und nur dank stetiger militärischer Unterstützung aus Europa behaupten, und Hunderttausende waren zu Tode kommen, als sich die letzen Bekreuzten einschiffen mussten. Die milites Christi unterdrückten die orientalischen Christen, führten Krieg gegen das oströmische Reich und schwächten es derart, dass die Feinde Christi am Ende leichtes Spiel hatten. 1453 trat die Situation ein, die Papst Urban zur Begründung des ersten Feldzugs beschworen hatte: Die Truppen des osmanischen Sultans Mehmed II. eroberten Konstantinopel. Und 1683 standen die Türken vor Wien.

Clash of Civilisations

Die Kreuzzüge sind nicht als komplettes Desaster im westlichen Bewusstsein angekommen. Wenn ein amerikanischer Präsident zu einem Kreuzzug aufruft, kann er davon ausgehen, dass die meisten US-Bürger zumindest kein Problem damit haben. Andere erschrecken. Was muslimische Schüler in ihren Büchern über das Massaker von Jerusalem und die Feudalregimes im Nahen Osten lesen, ist nicht übertrieben. Die Prediger eines heiligen Krieges gegen den Westen brauchen nicht viele Worte zu machen, wenn sie daran erinnern.

Eroberung geplant, Plan unterschlagen

Noch im Jahr 2004 wird viel gerätselt, ob es der US-Regierung nur um Öl geht. Amtliche Dokumente, die auf schnöde Habgier hinweisen könnten, unterliegen natürlich der Geheimhaltung. Nachdem erkennbar wurde, dass der irakische Diktator die Heimtücke besaß, seine Massenvernichtungswaffen vernichten zu lassen, behauptet Präsident Bush, es sei von Anfang an um gute Sachen gegangen, etwa Demokratie und Menschenrechte. Viele tote Zivilisten, Trümmer, Chaos, Widerstand - aber Motto, wir wollten nur das Gute. Das wird auch gern den Original-Kreuzzügen nachgesagt, zum Beispiel im Rahmen einer überaus erfolgreichen Ausstellung in Mainz. Kardinal Lehmann ließ dazu wissen, die Ursprünge der Kreuzzüge seien religiös gewesen, räumt aber ein, politische und ökonomische Kräfte hätten sie instrumentalisiert. Erst fromm, dann schlimm, ist die heute vorherrschende Sichtweise. Auch sie wird durch eine Unterschlagung möglich, die gründlichste von allen. Die Betreiber haben ihr Hauptmotiv nämlich durchaus zu Protokoll gegeben. Es handelt sich um ein kirchliches und damit rechtsverbindliches Dekret. Fulcher von Chartres, der kenntnisreichste Zeitzeuge hat es überliefert:

Auf dem Konzil zu Clermont... wurde mit einmütigem Beifall dekretiert, dass jede Stadt jenseits des Meeres, die den Heiden entrissen werden kann, für immer ohne Widerspruch behalten werden soll.

Der einzige Text, in dem ein Kriegsziel amtlich festgehalten wird, ist nicht einmal durch eine auf Fulcher hinweisende Fußnote in der Geschichtsschreibung angekommen.

Die Gräuelpropaganda kompakt

Wie für den ersten Feldzug geworben wurde, vermitteln vor allem diverse Versionen einer Rede, die Papst Urban gehalten haben soll. Ab 1106 leiten die meisten Chronisten und Historiker ihre Erzählung mit einem solchen Aufruf ein. (Der Kreuzzugs-Lesestoff war natürlich sehr gefragt.) Die neuerliche Geschichtsschreibung erwähnt die Aufrufe nur, unterschlägt aber Wortlaut und Tenor, nämlichen diesen:

Die Türken vergewaltigen junge Christinnen, die Mütter müssen dazu schmutzige Lieder singen, sie beschneiden junge Männer und gießen das Blut in Taufbecken, sie reißen die Därme bei lebendigem Leibe heraus und metzeln alle Christen nieder. Sie zerstören die Kirchen, besudeln sie mit Kot und verwandeln sie in Bordelle.

Vor dem ersten Irak-Feldzug (Oktober 1990) trat die 15 Jahre alte Tochter des kuwaitischen Botschafters als Krankenschwester im Kongress auf und erzählte, irakische Soldaten hätten in Kuwait in einem Krankenhaus Frühchen aus ihren Brutkästen gerissen und auf dem Boden liegen lassen - on the cold floor to die. Alle Medien gaben das unkritisch weiter, bis jemand auf die Idee kam, in diesem Krankenhaus nachzufragen. Das Gespür für Propaganda ist offensichtlich unterentwickelt, der Nutzen entsprechend groß. Um Abgeordnete und Bevölkerung für einen Feldzug zu gewinnen, spannte die Regierung für ein Honorar von mehr als 10 Millionen Dollar die PR-Agentur Hill & Knowlton ein.

Das aktuelle Böse

Der neuerdings im Westen entdeckte Unwesen, der Feindliche Kombattant oder Terrorist kann nach der Abstemplung zum Schlimmsten der Schlimmsten (Prof. David Cole) mit Billigung der Mehrheit im US-Gewahrsam wie ein Gesetzloser behandelt werden.

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